Up in the Air

12.57 Uhr

Ich werde nervös. Gemeinsam mit meinen Eltern sitze ich auf eine letzte heimisch schmeckende Tasse Tee am Flughafen. Die in kochend heißem Wasser ertränkte Minze soll wohl das reinste Bioerzeugnis sein. Wie auch immer. Ich schlinge den die Zunge verbrennenden Tee mit einer Geschwindigkeit hinunter, in der manch Anderer noch nicht einmal einen Espresso aus der Tasse in seinen Rachen befördern könnte. Lustigerweise fällt mir diese Kleinigkeit jetzt erst auf. Im Flugzeug auf dem Weg nach Dubai.

13.34 Uhr

Gerade passiere ich die Sicherheitskontrolle, bei dem ich fast meine Brieftasche und das daneben griffbereit liegende iPhone vergessen hätte. „Gut, dass Mama und Dirk das nicht gesehen haben“, denke ich bei mir wohl wissend, dass diese Info den Weg in meinen Blog finden würde. Schließlich bestätige ich andere Menschen und insbesondere meine Eltern nicht gern in Dingen, die Vorurteile bestätigen. Logisch.

Bei meiner Suche nach Gate C42 überzeuge ich noch eine sich äußerst sympathisch gebende Polizistin von meinem gültigen Reisepass mit dem schönsten Lächeln, das ich gerade auf Lager habe. Funktioniert.

Etwas komisch – wenn auch möglicherweise sinnvoll – erscheint mir hingegen die Teilung der Menschen vor der Passkontrolle. Es ist nicht die Aufteilung in „Nicht-EU-Bürger“ und „EU-Bürger“ als solches, das sehe ja sogar ich ein. Vielmehr ist es die Art und Weise der Dame mit der freundlich aber bestimmend klingenden Stimme, die Menschen in Kategorie A oder B einteilt. Die Verantwortung für diese Regelung von sich weisend und doch genießend eine gewisse Macht über Menschen zu haben – zumindest in dieser Situation – teilt sie ein deutsch-türkisches Paar ohne jedes Einfühlungsvermögen in die verschiedenen Reihen ein. Verständlich und doch abwertend. Vielleicht stumpft man ab, wenn man von morgens bis abends nichts anderes über die Lippen bekommt als „Bürger der europäischen Union? Hier entlang!“.

Zu mir war sie trotzdem nett, ohne Frage.

 

13.45 Uhr

Ich Streife mir meine Anti-Thrombose-Strümpfe im Café neben meinem Gate über. Niemand erkennt mich, meine Füße bleiben unentdeckt, die Sandwiches des Nachbartisches haben nichts mitbekommen.

 

13.55 Uhr

Boarding. Es geht los. Meine bis gerade mich umtreibende Unsicherheit, die ich ab und an in solchen Situationen verspüre, weicht wie gewohnt der Vorfreude. Lust auf Reisen, Lust auf Fliegen.

„Dieser Flug wird in Kooperation mit Quantas Air und Malaysian Airlines durchgeführt.“ Malaysian Airlines… Waren das nicht die, deren Flugzeuge ständig verschwinden? Ich wage einen Blick auf die Maschine rechts aus dem leicht spiegelndem Fenster. Emirates verrät mir der goldene Schriftzug auf weißem Grund. Mensch, bin ich konditioniert.

 

14.30 Uhr

Wir rollen auf die Landebahn. Alle Nervosität ist weg. Wir starten in Kürze. Es kann losgehen! Letzte Nachrichten an meine Eltern, so viele Liebesbotschaften wie noch möglich an meine Freundin, es kann nichts mehr schief gehen. Ich schalte mein Handy aus.

 

14.40 Uhr

Ready for Take-Off. Los geht’s. Mein Rücken presst sich getrieben vom Speed der Maschine in den im Neunizggradwinkel stehenden Sitz. Vorbildlich. Ich sortiere meine Dinge, lese wie mir aufgetragen eine Abschiedskarte mit der Betonung, der Abschied sei selbstverständlich nicht für immer und träume von Australien.

Do it with Passion.

 

Von nun an verschwimmen die Zeiten, da wir zu viele Zeitzonen durchqueren, um überhaupt noch den Überblick zu behalten. Ich rechne in Stunden bis zur nächsten Destination.

 

Noch drei Stunden bis Dubai

WLAN. Ich empfange WLAN. Welch Segen es doch ist, nun auch im Flugzeug online zu sein und zeitgleich die sonst dem Körper wohl fehlende Verstrahlung zuzuführen.

Aber über das WLAN-Signal freue ich mich tatsächlich. Ist eben auch für mein sonstiges Umfeld vielleicht nicht ganz alltäglich, einmal abseits einer hochkatholischen Beerdigung eine Botschaft aus dem Himmel zu erhalten. Haha.

Doch nicht nur das begeistert mich an dieser Fluggesellschaft. Fliegst du mit Emirates, hast du quasi mehr Flüssigkeit intus als ein Alkoholiker russischen Wodka: Es vergehen keine zwanzig Minuten ohne direktes Angebot von Wasser, Orangen- oder Mangosaft. Wahnsinn. Über den restlichen Service zu berichten, wäre sicher zu viel. Aber ich habe noch nie eine so genial organisierte Airline erleben dürfen.

Ähnlich geht es wohl auch meinem Sitzbachbarn, der nicht wie ich die grenzenlose Filmauswahl durchforstet, sondern sich an diversen Rotweinen zu schaffen macht. Immerhin sind Weine jeder Art an Bord inklusive. Da gönnt man sich.

Nach etwa 1.2 Litern Wein und einer Mütze Schlaf, bei der seine Füße immer wieder die angrenzende Sitzlehne sowie den freien Platz in der Mitte durchqueren, richtet sich Monsieur wieder auf. Ich meine, wäre es dabei geblieben, dass nur er als menschlicher Körper sich aufrichtet, wäre alles wunderbar. Doch leider sollten mir die nächsten drei Minuten mehr als eine erschreckende Erkenntnis bringen.

Denn es bleib nicht bei einem gerade erwachendem Menschen, der sich reckt und streckt. Vielmehr reckt und steckte sich … wie drücke ich das nun aus … sein Penis.

Wie der unglaubliche Hulk, der im Wachstumsprozess grün anläuft und durch seine Größe alle Kleidungsstücke abwirft, muss sich sein Penis in einem unaufmerksamen Moment meinerseits aus seiner Hose geschält haben. In alter Beatles-Manier weise ich ihn mit einem bestimmten „Let it be“ darauf hin, sein Beweisstück der Männlichkeit wieder dorthin zu packen, wo es hingehört. Mit einem „Ok, Sexuality is variable“ verabschiedet er sich zurück in seine Schlafposition.

Ich könnte nun darüber urteilen, ob es nicht unverantwortlich war, da Kinder zu meiner Linken saßen und so ein Verhalten anderen Menschen gegenüber ohnehin respektlos sei, sich so zu präsentieren. Doch viel mehr stellt sich mir die Frage, was er damit bezweckt hat. Hat er wirklich gehofft, in mir seinen Schlüssel in den Mile-High-Club gefunden zu haben? 😀 Oder wollte er mich von meinem Platz vertreiben? Ich weiß es nicht. Und werde es auch nie erfahren.

Er fliegt nach Bangkok weiter, ich nach Adelaide. Noch nie wusste ich eine solche Distanz so sehr zu schätzen.

 

Angekommen in Dubai

Verspätung. Mit dreißig Minuten Verspätung landen wir endlich am Hauptsitz der Emirates-Airline. Dreißig Minuten kreisten wir wie ein Bussard über seiner Beute über den Spitzen der Wolkenkratzer bis wir den Landeanflug starteten.

Ich quetsche mich durch die Sitzreihen, durchschreite schnellen Schrittes die Eingangshalle des Airports und folge den Schildern, die mich zum Gate B23 führen sollen. Eigentlich bin ich der Typ, der sich jede Anzeige dreimal durchliest, um sicher zu gehen, dass ich auch ins richtige Flugzeug steige. Doch heute ändert sich diese Angewohnheit. Mit einem Blick im Vorbeigehen erhasche ich die relevante Info zu meinem Gate und mache mich auf den Weg. Ich snappe, poste, spreche Sprachnachrichten. Ein richtiges Wohlgefühl tut sich auf. Ich laufe einfach so durch die Welt. Kenne niemanden, spreche mit jedem.

Angekommen am Gate kann ich quasi direkt einsteigen, eine Boeing 777 wird mich quer über den Ozean nach Australien katapultieren.

 

Noch 13 Stunden bis Adelaide

Es gibt doch einen Gott! Nach meinem Sitzplatz- bzw. Nachbarschaftsmalheur auf dem Flug nach Dubai gönnt man mir nun eine ganze Reihe nur für mich. Da wird ja fast die Businessclass schon neidisch. Zwar entdecke ich mit „Captain Fantastic“ einen meiner Lieblingsfilme, schlafe aber unverzüglich ein. So tief, dass ich den Zwischengang verpasse. Ärgerlich.

Kurz vor Ankunft, etwa zwei Stunden vorher, komme ich wieder zu mir. Entspannt wie eh und je logge ich mich ins WLAN. Per WhatsApp schreibe ich mit Jassi, zu welcher die Beziehung unglaublich gewachsen ist. Von heute auf morgen quasi. Es scheint, als hätte doch irgendwie alles, was in der Vergangenheit passiert ist, einen Sinn gehabt. Sonst wären wir wohl nicht dort, wo wir nun sind. Ich bin glücklich.

Gleich sind wir da.

Ich werfe einen letzten Blick aus dem Fenster – nach meinem Tiefschlaf hat die Jalousie wieder den Weg nach oben gefunden – und sehe Unglaubliches. Das muss das Ende der Welt sein. Jetzt, genau jetzt, weiß ich, dass ich richtig bin. Und alles richtig gemacht habe. Für mich richtig.

Die unglaubliche Küste in der Abenddämmerung schenkt mir das nötige Selbstvertrauen, das es nun braucht. Ich bin bereit.


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