Wie neu geboren

Es gibt Momente, in denen vergisst du alles um dich herum. Du stehst wie angewurzelt auf deinen Füßen und weißt weder vor noch zurück. Du bist fasziniert, voll von Energie, geradezu geladen von dem, was sich vor deinen Augen abspielt.

Wenn du solche Situationen kennst, kannst du dir in etwa vorstellen, wie es mir gestern Morgen zumute war…

Es ist fünf Uhr siebenunddreißig. Ein kleiner Lichtstrahl bahnt sich seinen Weg durch die seitlich gelegenen Dachfenster meines fahrenden Wohnzimmers. Mit einem für morgendliche Verhältnisse lauten Knallen prasseln dem Gehör nach zu urteilen etwa weintraubendicke Tropfen auf das blecherne Dach. Es regnet und das nicht zu wenig. Das iPhone suchend wälze ich mich auf die linke Seite. Fünf ungelesene WhatsApp-Nachrichten. Ganz zu Schweigen von E-Mails. Zwar hatte ich einen eigenen Reiseaccount angelegt, allerdings kam ich vom kommerziell bombardierten Postfach nun doch nicht so ganz los. Die meisten Mails landen in Windeseile ungelesen im Papierkorb, Nachrichten beantworte ich in aller Ruhe. Mein Plan, heute nur bis kurz vor den Naturpark der ’12 Apostel‘ zu fahren, macht also Sinn. Denn wer möchte schon sein Reisehighlight bei Unwetter statt strahlendem Sonnenschein bewundern? Wie sich letztlich herausstellen sollte: Ich. Doch dazu später.

Nach der üblichen Routine – duschen, waschen, frühstücken – verlasse ich mein Nachtlager Richtung Port Campbell. Dort würde ich übernachten, nur eine Stunde entfernt vom Ort meines heutigen Aufbruchs. Morgen, so mein Gedanke, würde ich mir bei tollem Wetter und in aller Ruhe die 12 Apostel ansehen. Immerhin freu‘ ich mich nun seit geraumer Zeit genau auf diesen Moment. Das will geplant sein. Ich fahre los.

 

Die Great Ocean Road: 243 Kilometer Adrenalin und Euphorie

In Port Campbell angekommen schlägt es zehn Uhr. Der Ort ähnelt denen, die ich bereits durchquert habe: weit, praktikabel, ansehnlich. Ich fühle mich wohl, ohne Frage. Doch alles, was bis hierher passiert ist, war noch kein Museumstag. Und außerdem ist es erst Zehn. Was sollte ich in Port Campbell den lieben langen Tag anstellen? Keine Frage, ich fahre weiter. Unweit des Ortsausgangs finde ich das erste Highlight – oder das erste Highlight findet mich. Denn wirklich gut ausgeschildert ist anders. Mit etwas Glück treffe ich die erste Ausfahrt auf der rechten Seite. Meine Erwartungen sind nicht allzu groß, schließlich soll es bis zu den echten Aposteln noch ein ganzes Stück sein. Aber was soll’s. Aussicht ist Aussicht. Das Auto geparkt, die Handbremse gezogen. Bewaffnet mit GoPro und obligatorischem grünen Rucksack – im Übrigen habe ich das Grün tatsächlich aus Gründen der besseren Tarnung gewählt – zieht es mich Richtung Klippe.

Dort angekommen traue ich meinen Augen kaum. Überwältigt von Begeisterung, Sprachlosigkeit und totaler Freiheit sinke ich auf die Knie. Tränen füllen meine Augen, ich kann kaum glauben, was ich sehe: Die unendliche Weite des Ozeans, die vom Wasser geformten Gesteinsreste, die aus der blauen Tiefe herausragen – so etwas habe ich noch nie gesehen. Noch nie hat mich ein Blick so tief berührt, meiner Kräfte beraubt und von einem auf den anderen Moment ein Vielfaches jener zurückgegeben. Es ist, als würde man einem Computer einen neuen Prozessor geben, einem Buch ein neues Cover oder der Liebe den ersten Kuss. Es is nicht die Sicht, sondern das, was ich sehe.

Während ich knie und in die Ferne blicken darf, geschieht etwas in mir. Ich habe einmal gelesen, dass man auf einer einsamen Reise mindestens einmal weinen muss. Gründe dafür gäbe es keine, dafür aber Situationen, die es schlicht erfordern würden. Nun weiß ich, was damit gemeint war.

Es ist nicht bloß der pure Anblick dessen, was ich sehe. Es ist die Magie des Moments mit allem, was dahintersteckt: Die Idee, nach Australien zu reisen. Der Rückschlag, die nördliche Ostküste nicht abgrasen zu können. Die Erleuchtung, diesen Teil des Landes zu erkunden und der sehnliche Wunsch, diese Küste begehen und betrachten zu dürfen. All das, all die Planung, all die Schwierigkeiten, all die Träume, die es gebraucht hat. All das hat sich genau für diesen Moment gelohnt. All das fällt in diesem Moment von mir ab. Ich fühle mich wie frisch aufgetankt, neu geboren und soeben erfunden. Chris McCandless hat Recht gehabt, wenn er sagte, die Liebe der Welt stecke nicht nur in den Menschen, sondern in allem, was uns umgibt. Genau das kann ich in diesem Moment spüren.

 

Natürlich habe ich zu Ende dieser Erfahrung ein Foto geschossen, um die Erinnerung festzuhalten. Ich möchte dich aber bitten, dir ganz für dich allein auszumalen, wie die Situation für dich aussieht und wo du dich gerade siehst. Das ist viel mehr wert, als jedes Bild der Welt. Nur so viel sei verraten: Es waren nicht die ‚echten‘ 12 Apostel, die mich dort so begeistert haben.

 

Ich gehe zurück zum Auto. Als aus dem anfänglichen Gehen ein von Euphorie getriebenes Sprinten und Hüpfen wird, beschließe ich kurzerhand die Klippe von all seinen Seiten zu betrachten und zu erkunden. Nach einiger Zeit kehre ich zurück zum Auto. Mit hundertprozentiger Energie.
Für den Rest des Tages verfliegt die Zeit. Ich lasse die gesamte Great Ocean Road hinter mir, halte unzählige Male an und zolle diesem Naturwunder den nötigen Respekt. Etwa um fünfzehn Uhr erreiche ich Apollo Bay. Unterwegs habe ich spontan beschlossen, dort mein Nachtlager aufzuschlagen. Doch etwas getrieben von der Lust, dieser wunderbaren Straße auch weiterhin zu folgen, schlängle ich mich am Stück für Stück am Abgrund entlang, der mich bei einer falschen Lenkraddrehung geradewegs in den blaue Nass befördern würde.

Meter für Meter packt mich das Gefühl, gerade etwas ganz besonderes erleben zu dürfen, wozu nur ein verschwindend geringer Teil der Menschen die Möglichkeit hat. Kombiniert mit typisch australischer Musik, die aus den Radioboxen schallt, begreife ich das Land und seine Kultur auf meiner Reise immer mehr.

Ich glaube, ich verliebe mich gerade in dieses Fleckchen Erde am anderen Ende der Welt. Wer weiß.


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  1. Ich liebe diesen Artikel. Habe gerade Gänsehaut!

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