Der Mann, der mein Weltbild veränderte

„Ich heiße übrigens John.“ Er streckt mir seine Hand entgegen. Ich schlage ein. „Alex“, entgegne ich. Ich gebe mir Mühe, meinen Namen englisch auszusprechen, um nicht sofort als kalkweißer Mitteleuropäer aufzufallen. Doch vergebens. Sein Englisch klingt großartig. Uraustralisch mit diesem ansprechendem Akzent, am Ende oder Anfang eines Wortes die Silben zu verschlucken oder schlicht wegzulassen. Er grinst, während er erzählt. Seine Augen sind glasklar, sein Blick offen.

Mit etwa zwanzig Jahren ist er schon nach Australien gekommen, geboren wurde er in der Niederlande; Holland wie er es liebevoll nennt. Den Ausdruck Niederlande mag er nicht wirklich. Außerdem fühle er sich heimisch in Australien und auch seine Geschichten zeugen mehr von der Liebe zu diesem Kontinent als zu seiner Heimat. Dennoch ist er ihr stets verbunden. „Einmal“, berichtet er mir mit einem breiten Lächeln im Gesicht, „bin ich für eine Woche von meiner Heimat aus nach Köln gefahren – mit dem Fahrrad! Es war nichts Besonderes, nur ein Fahrrad. Keine Gänge, kein Schnickschnack. Aber wir wollten unbedingt den Kölner Dom sehen. Und da sind wir losgefahren.“ In den nächsten Minuten komme ich kaum zu Wort. Er erzählt von Papua-Neuguinea, Peru und den Philippinen, deren Wappen in seine Kappe eingestickt ist. Sein ganzes Leben lang sei er gereist, die ganze Welt habe er gesehen. Zu Beginn allein. Später mit seiner Frau. Selbst dann, als sie krank wurde und nicht mehr gehen konnte, baute er den Camper schließlich behindertengerecht um, damit sie ihrer Leidenschaft weiterhin nachgehen konnten.

Wir philosophieren und albern herum. Regelrecht alle drei Minuten zückt er seine Landkarte, um mir die besten Straßen für meine nächsten Reiseziele aufzuzeigen. „Achte darauf, dass dein Tank immer voll ist, Alex. Und gib Acht auf deinen Wasservorrat. Wenn du liegen bleibst, kannst du Benzin nicht trinken.“ Er lacht. Es fasziniert mich, wie er mit der Karte umgeht. Jeden Highway kennt er beim Namen, jede Ecke dieses eindrucksvollen Landes hat er bereits bereist. Sogar an der nördlichsten Spitze ist er gewesen. „Mit einem Geländewagen, sonst kommst du da nicht durch. Aber es lohnt sich.“ Ich sehe, wie seine Augen zu glänzen beginnnen. „Vor einigen Monaten habe ich meine Tochter in Darwin getroffen. Ich sehe sie nicht oft, nur ein paar Mal im Jahr. Sie lebt auf den Philippinen. Ursprünglich wollten wir uns im Oktober bei Melbourne, also bei mir daheim, treffen.“ Als sie spontan drei Monate früher anreiste, haben sie gemeinsam das nördliche Australien erkundet. „Ich war gerade dort oben. Und bei Gott, der Weg von Darwin nach Melbourne ist auch für mich zu weit.“ Also entschieden sie spontan, sich das nördliche Australien gemeinsam anzusehen. „Wir fuhren in diesem Camper durch die Gegend. Sie schlief im Wagen, ich habe davor im Zelt übernachtet.“ John ist 81 Jahre alt.

Ich staune nicht schlecht, als ich von seinen Erlebnissen in Nordaustralien höre. In der Nähe von Alice Springs sei das einzige Mal in all den Jahren etwas schief gelaufen, eröffnet er mir. „Ich habe wieder in meinem Zelt geschlafen. Neben meinen Schlafsack habe ich am Abend einen kleinen Stuhl gestellt, damit ich meine Sachen darauf ablegen konnte. Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war alles weg. Kleidung, das Geld in meinen Taschen, alles. Bloß mein Portmonee war noch da. Und mein Schlüssel. Ich habe sie immer unter meinem Kopfkissen. Du musst gut Acht geben auf die Dinge, die dir wichtig sind, weißt du. Vor allem auf die Menschen, die dir wichtig sind.“

Sein Blick schweift auf die Außenseite seines Hängeschranks. „Das ist meine Familie. Vier Kinder und meine Frau. Und siehst du den Hund?“ Auf seinem Arm hält er einen kleinen Dackel, so sieht es zumindest aus. „Ich war sehr müde, als wir das Bild machten. Aber es ist das Schönste, das wir miteinander haben.“ In den nächsten Minuten erzählt er mir von seinen Kindern. Seine Tochter, die er in Darwin traf, sei Nonne und einer seiner beiden Söhne beteilige sich gerade an einer Firmengründung, die sich mit Immobilien beschäftigt. „Der Andere, rechts neben mir, ist Bauarbeiter.“ Ich bin tief beeindruckt, mit welcher Offenheit er jedem der Lebenswege seiner Kinder begegnet. „Egal, was sie machen. Ich liebe sie alle. So wie sie sind. Viele Menschen verbringen Jahre damit, ihre Kinder so zu formen, damit sie irgendwann einmal ins Famiienalbum passen. Aber das ist nicht meine Philosophie. Jedes meiner Kinder war und ist glücklich. Und frei. So soll es sein, mehr braucht es nicht.“

Nach all den Geschichten von seinen Kindern wandert sein Blick auf die Tür des Hängeschranks. Dort hängt ein Foto einer Dame mittleren Alters. Sie trägt einen mittellangen Haarschnitt, ihr Blick wirkt befreiend. Sie sieht glücklich aus. Es ist Johns Frau. Vor einiger Zeit – wie lang es her ist, weiß ich nicht – ist sie an ALS gestorben. Er spricht nicht viel über sie, wenngleich er gerne würde, doch seine Blicke verraten mir, wie sehr er an ihr gehangen hat und immernoch hängt. Nun führt er fort, was sie ihr Leben lang gemeinsam gemacht haben: Reisen. Fremde Kulturen kennen- und schätzen lernen. Bloß reist er nun allein durch’s Land. „Doch“, versichert er mir, „in meinem Herzen ist sie immer dabei.“

Ich bin gerührt. John strahlt so viel Offenheit aus, so viel Liebe und Zuneigung. Er hat seinen Zweck der Existenz erfüllt, da bin ich mir sicher. Nun genießt er den Rest seines Leben. Er hat nichts mehr zu verlieren und alles erlebt, was er je erleben wollte. Womöglich kommt daher seine innere Gelassenheit. „Wenn alle Menschen ein bisschen so wären wie John“, denke ich bei mir, „wären wir in dieser Welt ein ganzes Stück weiter.“

 

Es gäbe noch so viel darüber zu erzählen, was ich von diesem Mann lernen durfte. So viel zu erklären, was er mir erklärt hat. Über die Natur, die Vögel, das Leben, die Geschichte. Selbst über die deutsche Geschichte wusste er mehr, als ich je in der Schule gelernt habe. Und vielleicht unterscheidet ihn genau das von den Anderen: Die meisten Menschen lernen in der Schule und halten sich danach für ausgewachsen, erfahren und klug genug, um ihr Leben zu leben. John dagegen besuchte zwar die Schule, lernte aber vom Leben. Damals wie heute.

Ich bin froh und dankbar, diesen Menschen kennengelernt zu haben. Und umso mehr freue ich mich, dass ich ihm wenigstens ein bisschen zurückgeben konnte, als ich ihn mit seinem Tablet vertraut machte. Wenn es auch nur eine kleine Geste war im Vergleich zu dem, was ich in diesen zwei Tagen lernen durfte. Das Leben besteht aus Geben und Nehmen. Besonders schön ist unterdessen das Geben, das nicht mit Materiellem zusammenhängt. Sondern mit Momenten.

Thanks für those two Days, Mate.

9 Kommentare

  1. Das ist so toll geschrieben! Du bringst das so echt Rüber und der John muss ein toller Mann sein. Das was er über seine Kinder sagt, ist so wunderschön, genau so möchte ich auch meine erziehen, sie sollen frei und glücklich sein und ihre Ziele verfolgen, nicht meine.
    Ich danke dir, dass du deine Begegnung mit mir teilst 🙂

    Liebe Grüße
    Freigeist.pl

    1. Danke Leah! John ist großartig. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so selbstlos und zufrieden zugleich war bzw ist und trotz sämtlicher Schicksalsschläge sein Leben so genießt. Mich hat vor allem auch das mit seinen Kindern sehr beeindruckt… nicht unbedingt alltäglich, leider. Dafür aber umso cooler, was du darüber sagst!‘ 😊

      Liebe Grüße!!

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