Irland: Harte Schale, weicher Kern.

„Sobald Sie die Küste zu Ihrer linken Seite erblicken, biegen Sie links ab, parken Sie Ihren Wagen und halten Sie Ihre Kamera bereit.“ Ich hasse Reiseführer. Zumindest schriftliche. Das mag daran liegen, dass ich beim Reisen ohnehin nicht gern auf Autoritäten angewiesen bin, die mir vorschreiben in welche Richtung ich zu fahren oder zu gehen habe, aber erst recht nicht auf einen schriftlichen Tunichtgut, der mich beinahe nur zur Spitze des Eisbergs – um es einmal metaphorisch auszudrücken – gebracht hätte. (…)

„Sobald Sie die Küste zu Ihrer linken Seite erblicken, biegen Sie links ab, parken Sie Ihren Wagen und halten Sie Ihre Kamera bereit.“ Ich hasse Reiseführer. Zumindest schriftliche. Das mag daran liegen, dass ich beim Reisen ohnehin nicht gern auf Autoritäten angewiesen bin, die mir vorschreiben in welche Richtung ich zu fahren oder zu gehen habe, aber erst recht nicht auf einen schriftlichen Tunichtgut, der mich beinahe nur zur Spitze des Eisbergs – um es einmal metaphorisch auszudrücken – gebracht hätte.

Es ist Mittwoch, etwa dreizehn Uhr. Ich befinde mich auf dem Weg zur Dingle-Halbinsel. Eines der Highlights des Landes, so heißt es. Der Strand sei besonders schön – und dazu der westlichste Sandstrand in ganz Europa. So zumindest die Aussage der freundlichen Rezeptionistin, deren rechtes Auge leicht nach innen schielte. Das schielende Auge war mir erst am Ende unseres Gesprächs aufgefallen. Aber letztlich ändert es nichts. Bis auf die Tatsache, dass sie die Welt mit hoher Wahrscheinlichkeit etwas anders wahrnimmt als wir. Doch wenn man auch einmal darüber genauer nachdenkt und in Versuchung gerät, dieses wir zu definieren, gerate zumindest ich für meinen Teil in Erklärungsnot. Am Ende nimmt doch ohnehin jeder jedes Ereignis auf ganz eigene Art und Weise wahr. Ob er nun schielt oder nicht. Weiter im Text.

„Wahnsinn“, denke ich, „der westlichste Sandstrand Europas.“ Denn zugegeben: Ich stehe auf Superlative. Die südlichste Steilküste der Welt, der nördlichste Punkt Neuseelands und die längste Bartour meines Lebens. So viel zu den vergangenen Superlativen der letzten Monate. Nun steht also der südlichste Sandstrand Europas auf dem Programm. Und ja, ich bin verdammt aufgeregt. Wie immer vor Ereignissen dieser Gewichtsklasse schwirren tausend Gedanken durch meinen Kopf und Einfälle für soziale Netzwerke drängeln sich förmlich durch die Nervenbahnen meines Gehirns. Equipment ist ja auch genügend vorhanden. Und doch endet es immer gleich: Ankommen, einige Sequenzen aufnehmen, Gegend erkunden, Welt vergessen, Hinlegen, Moment genießen, Aufstehen, Weiterfahren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich nie die unheimlich scharf gestochenen Aufnahmen der ganz Großen im Kasten habe. Dafür aber die schönsten Erinnerungen im Kopf und im gesamten Körper.

Denn sind wir mal ehrlich: Der Standardtourist – ich bin schlichtweg einmal so unverfroren, mich nicht mehr als solchen zu bezeichnen – zückt den dreihundert Seiten dicken Reiseführer, erspäht das nächstgelegene Highlight, erhascht einen Blick auf die örtliche Geschwindigkeitsbegrenzung und bringt das Gaspedal zum Schwitzen. Was auf dem Weg liegt? Uninteressant. Fremdsprachige Werbespots beschallen den Innenraum des Autos, damit die peinliche Stille, die entsteht, wenn die Kinder mit dem iPhone spielen und die auf dem Beifahrersitz erstarrte Frau geistesabwesend Die Frau von heute liest, niemandem so Recht auffällt. Am Highlight des Tages angekommen, verliert man selbstverständlich nicht viel Zeit: Aussteigen, Kamera zücken, Fotos machen, eine kleine Runde drehen, gelegentlich erwähnen, wie schön dieser Ort doch sei – und ehe man sich versieht ereilt ein Familienmitglied eine plötzliche Blasenschwäche, weshalb dem vermeintlichen Tageshighlight mir nichts dir nichts der Rücken gekehrt wird. Angekommen im nächstgelegenen Café mit ausreichend sanitärer Versorgung überkommt die Reisenden in häufigen Fällen ebenfalls eine überraschend aufflackernde Energielosigkeit und kurze Zeit darauf sitzt die Reisegruppe wieder im Auto auf dem Rückweg zum Hotel. Ausflug vorbei.

Diese Art von Ausflug wollte ich nicht machen. Und tatsächlich: Es wurde genau das Gegenteil.

Die Dingle-Halbinsel: Klippen besteigen und Ruhe genießen

Dingle ist weit mehr als der westlichste Sandstrand. Dingle ist Ruhe. Dingle ist spannend. Dingle ist unbeschreiblich. Ein Mix aus Alpen, Meeresrauschen und völliger Abgeschiedenheit. In diversen altertümlichen, wenn auch fragwürdigen Schriften wird ein solcher Ort das ein oder andere Mal nicht zu Unrecht als Paradies umschrieben. Und paradiesisch ist vor allem das Lebensgefühl, das dieser Ort vermittelt: Totale Unabhängigkeit, volle Zufriedenheit mit sich und der Welt und die gernzenlose Vielfalt, das zu tun, was man möchte. Denn Dingle bietet viel: Fernab des Sandstrands, fernab der zu Haufe parkenden Autos und brummenden Motoren liegen Dunquin. Ein Ort, der inmitten friedlicher Stille und fußläufiger Nähe des tobenden Atlantiks liegt. Fährt man den Slea Head Drive von Dunquin aus nur ein paar Kilometer Richtung Süden und hält in Nähe des allzu berühmten Sandstrandes, eröffnen sich nach einer kleinen Einheit des Bergsteigens ungeahnte und nahezu unberührte Welten.

Klippen, geformt von der Unbändigkeit des Meeres. Wiesen, so saftig wie in den schönsten Märchenbüchern und ein einsames Haus, eher einer Ruine gleichend, die dem Ort einen gewissen Charakter verleiht, so, als wäre der Mensch hier willkommen. Allerdings zu Gast. Die Überhand hat nach wie vor die Natur. Und dafür sollten wir als Menschen dankbar sein. Bei allen Skylines, Wolkenkratzern und Pyramiden, die wir je gebaut haben: Solch ein natürlich entstandenes Phänomen würde uns nicht gelingen. Aber das muss es auch nicht. Denn am Zipfel der Superlativen existiert keine Steigerung. Zumindest keine, die der Mensch definieren könnte – oder sollte.

Ich glaube, manchmal sollten wir einfach nur hinnehmen. Genießen. Wahrnehmen. Mitnehmen. Und klettern. Wandern. Lachen. Lieben. Denn diese Momente wiegen schwerer als jede gesunde Ernährung. Als jedes Geld der Welt. Und als jede Superlative.


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