Der Fremde im Café

„Das ist schlecht, riechen Sie mal.“ Der Mann am Nachbartisch hält dem Kellner eine kleine Schüssel mit einem halbgekochten gelben Inhalt unter die Nase. „Ich weiß nicht, meinen Sie?“ – „Ganz sicher, nehmen Sie das mit.“ Seine Lippen formen sich zu einem unangenehm überheblichen Lächeln. „Und bringen Sie bloß nichts Neues.“ Sein abwertendes Lächeln verwandelt sich in ein breites abfälliges Grinsen, während er kopfschüttelnd auf den Tisch starrt. An seinem linken Arm trägt er eine Uhr mit recht großem Zifferblatt und einem klassischen Lederarmband, das sein Handgelenk großspurig umwickelt. Während er genüsslich einen Schluck von seinem Kaffee nimmt, sieht seine Frau ihn stirnrunzelnd an, nachdem sie sich einen zurückweisenden Blick in Richtung Kellner nicht verkneifen konnte. Wortlos setzt sie ihre Brille auf die Nase und wendet ihren Fokus wieder auf den strahlend hellen Display ihres Smartphones. Neben ihr steht ein schwarz glänzender Koffer, von dem man meinen könnte, er sei noch mit der ursprünglichen Verpackungsfolie umwickelt. Die Aufschrift Gucci allerdings trübt meinen Eindruck. Das muss wahrscheinlich so, wie meine Mutter voller Sarkasmus gegenüber überteuerten Luxus- und Kunstobjekten sagen würde. Der Griff des Koffers zumindest ist vollständig ausgefahren. So, als wolle sie jeden Moment das Lokal verlassen.

Ich blicke einen Moment weg und nehme einen Schluck von meinem stillen Wasser, von dem kaum noch etwas übrig ist. „Ich trinke einfach viel zu schnell“, denke ich. Schließlich tritt der Kellner wieder in mein Sichtfeld, was meine Aufmerksamkeit zurück zum Nachbartisch führt. Als Entschuldigung für das vermeintliche kulinarische Missgeschick stellt er zwei Espressi an der Tischkante ab. „Ein Gruß des Hauses“, murmelt er mit völlig konzentriertem Blick auf die überzuschwappen drohende braune Flüssigkeit. „Einmal für Sie… einmal für Sie. Enjoy.“ Sein Deutsch vermischt er unbewusst einem südlichen Akzent, obwohl er sich die größte Mühe gibt, genau das zu vermeiden. Seine Stimme zittert. „Wir hatten schon zwei Espressi, so viel schaffen wir doch nicht, ohne einen Herzstillstand zu erleiden“, beginnt der Mann seine nächste Beschwerde. „Die können Sie wieder mitnehmen. Die Rechnung bitte.“ Der Kellner stellt die Wiedergutmachung mit demselben konzentrierten Blick zurück auf sein Tablett und dreht in Richtung Küche ab. Im Vorbeigehen gelingt es mir einen Moment, seinen Blick zu kreuzen. Ich schlucke. Eine solche Mimik kannte ich bisher nur von kleinen Kindern, die ihre Mutter am Flughafen oder in der Stadt für eine Minute aus den Augen und zeitgleich jeden Halt verloren haben. Er blinzelt mit den Augen, schluckt einmal kräftig und fokussiert sich auf sein Tablett. Es scheint, als  würde ihm jeglicher Halt fehlen. Sein Blick trifft mich tief. Ich weiß nicht warum, aber er ist mir unheimlich nah.

„Ich lass‘ mich doch nicht erpressen“, tönt es derweil vom Tisch nebenan. Es kommt mir vor, als würde ich inmitten einer Theatervorstellung sitzen. Wütend nimmt der Mann sein Telefon vom Ohr und reibt seine Hände auf seinen Oberschenkeln. „Er muss sehr nervös sein. Fast schon unsicher“, denke ich während ich ihn mittlerweile sehr genau betrachte. Seine Frau hört ihm kaum zu. Von Zeit zu Zeit legt sie ihr Smartphone beiseite, sieht ihn an, spielt eine Weile an ihrem Ringfinger, den ein wahrscheinlich äußerst teurer vergoldeter Ehering ziert und greift schlussendlich doch wieder zum Smartphone. Ihrem Mann scheint das recht egal, viel zu beschäftigt ist er mit sich selbst und seinen Problemen. „Und das ist nicht meine einzige Baustelle“, fährt er fort, während er sich lächelnd zurücklehnt. Das Lächeln vertuscht fast schon zu auffällig seine innere Verzweiflung. „Da sind noch zwei, drei andere Projekte… ich kann dir sagen.“ Stolz verschränkt er seine Arme hinter seinem Kopf und reibt sein durchweg graues Haar. Seine Frau hat inzwischen ihr Handy beiseite gelegt und hängt mehr in ihrem Stuhl, als dass sie auf jenem sitzt. Die Beine und Arme verschränkt, den Blick auf das vor dem Fester parkende Flugzeug gerichtet. Ich weiß nicht, wo sie gerade gedanklich ist, aber sicher nicht bei ihrem Mann, der sich nach wie vor grenzenlos aufplustert.

Nach kurzer Zeit kehrt der Kellner mit der Rechnung zurück. „63,42 Euro bitte.“ Stirnrunzelnd und tief einatmend greift der Mann in sei Portmonee. Er zieht einen Hundert-Euro-Schein heraus. „Machen Sie 65“, sagt er leicht genervt. „Vielen Dank, mein Herr“, entgegnet der Kellner. Grummelnd nimmt der Mann sein Wechslgeld entgegen und gibt dem Kellner durch seine abweisende Haltung zu verstehen, dass er nun verschwinden könne. „Ne, das machen wir hier nicht nochmal“, keucht der Mann angestrengt von der Bemühung, sein Portmonee in eine Gesäßtasche einzustecken, „aber was will man auch von einem Flughafencafé erwarten.“

Inzwischen habe ich den Rest meines Wasser vertilgt und blicke mich ab und an zum Kellner um.

Er ist ein unheimlich sensibler Mensch, das würde ich zumindest vermuten, und hat diesen Bitte entschuldige, ich bin neu hier und habe niemanden-Blick im Gesicht. Ich weiß nicht, was mich mit ihm verbindet, weshalb ich ein solches Mitgefühl zu ihm entwickle und weshalb es mich so unfassbar wütend macht, dass der Mann am Nahbartisch ihn so abfällig behandelt. Aber es fühlt sich ziemlich unfair an, dass er so behandelt wurde.

Schließlich verlässt das Paar am Nachbartisch das Lokal. Der Kellner verabschiedet sich äußerst höflich mit einer leichten Verneigung von Beiden, findet aber keinerlei Beachtung. Ihren Koffer schiebt die Frau auf vier Rollen neben sich her, ihr Mann telefoniert einmal mehr mit hochroten Ohren, während ihm vor lauter Schweißperlen die Brille von der Nase rutscht.

Ich hoffe, dass sie auch mal an etwas riechen müssen.
Tatsächlich hat sich dieser Vorfall vor unserem Abflug nach Bangkok genauso ereignet. Zwar ist es nur eine kurze Situation, die sich heute vor meinen Augen abspielt, allerdings trotzdem erschreckend, wie abwertend und unfair sich Menschen noch heute gegenüber Anderen verhalten. Egal, ob jung oder alt, schwarz oder weiß, dünn oder dick, reich oder arm: Wir sollten einander akzeptieren und respektieren. Solche Verhaltensweisen kommen schließlich nicht von ungefähr. Sicher ist dem Mann in unserer Geschichte früher in seinem Leben oder einige Tage zuvor eine gehörige Laus über die Leber gelaufen oder er hat sich ständig beweisen müssen, um sein Selbstwertgefühl zu kompensieren und seine Anerlennung zu erhalten. Aber das sollten wir niemals auf Kosten anderer Menschen tun. Schon gar nicht dann, wenn wir sie mit unserem Verhalten verletzen.


Auf geht’s nach Bangkok. Gleich fliegen wir los.



Dieser Beitrag nimmt an der Blogparade „Mehr Aufmerksamkeit für einen Artikel“ teil.


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