Ein Spaziergang mit Dickhäutern – Teil Eins

Snooze. Nach dem schrillen Klingeln des Weckers drehe ich mich etwas müde vom eigentlich entspannten gestrigen Tag auf die rechte Seite, um vom Licht der Sonnenstrahlen wach zu werden. In der Annahme meinen Körper mit verschiedenen Uhrzeiten, die nicht im Fünf-Minuten-Takt auseinander liegen, am Morgen überraschen zu können, habe ich den Abend zuvor sicherheitshalber acht Wecker zu verschiedensten Uhrzeiten gestellt. Unnötigerweise, wie sich nun herausstellt. Denn einmal mehr bewahrheitet sich: Es geht nicht um die tatsächliche Dauer deines Schlafes, um früh genug oder voller Energie aufzustehen, sondern um den Anlass, der mich aus dem Bett treibt. Und dieser ist heute mehr als groß…

Genau genommen misst dieser weit über zwei Meter, trägt einen gigantischen Schlauch über dem Mund und ist Sinnbild dessen, was wir als gutes Gedächtnis bezeichnen. Wir besuchen Elefanten. Und ja, es handelt sich tatsächlich um einen Besuch. Warum wir keine Elefanten reiten, das würde sich schon noch herausstellen.

Um Punkt neun Uhr stehen wir bereit. Den Rucksack bepackt mit GoPro, Canon Legria, Mückenspray, Wasservorrat, Handtuch und Wechselkleidung, da Elefanten bekanntlichermaßen gern einmal ihren Rüssel mit Wasser füllen. Wir sind pünktlich. Der Shuttle, der uns in den Dschungel befördern soll, hingegen nicht. Mindestens drei verschiedene Guides betreten während unserer Wartezeit die Lobby. Jeder davon Chinesisch. Die Antwort auf die Frage, ob einer von ihnen uns abholen würde, um zum „Save the Elephant“-Park zu fahren, erhalten wir jedes Mal dieselbe Antwort: „Oh, no, no. Just Chinese.“ Es ist, als würde mich dabei jedes Mal dasselbe höflich ablehnend grinsende Gesicht ansehen und der gleiche Akzent aus seinem Munde ertönen. Als jeder der Drei die Lobby wieder verlässt, folgt ihm jeweils eine Horde Chinesen auf Schritt und Tritt. Optimal ausgerüstet mit Spiegelreflexkameras und aufsetzbaren Objektiven für ihre Samsung Smartphones.

Endlich betritt unser Guide die Lobby. Ein entspannter Typ bekleidet mit lockerem dunkelblauen Shirt, das einen grünen „Save the Elephant“-Schriftzug auf der Brust zeigt, und knielangen Shorts, auf denen ein kleiner spiegelverkehrt eingenähter Nike-Swoosh zu sehen ist. „Alex and Jasmin?“, blickt er uns fragend an, während er seine Namensliste überfliegt. „Yes, that’s us“, antworte ich und schlage zu einem freundschaftlichen Handschlag ein. „Okay, let’s go“, ruft er uns zu, als er voller Elan schon fast wieder auf dem Rückweg zum vor der Tür parkenden Shuttle ist. Es geht los.

„Elephants like Bananas“

Etwa anderthalb Stunden später hält der Van inmitten eines Dorfes, das fernab der Zivilisation mit etwa vier Häusern und Hütten seinesgleichen sucht. Etwa neun Einwohner fasst das Dorf, zuzüglich der Elefantenbeauftragten. Wir steigen aus.

Wir, das sind mittlerweile nicht bloß meine Freundin und ich, sondern außerdem acht weitere Expeditionsliebhaber, die wir während der Anfahrt an ihren Hotels aufgegabelt haben. Somit wären wir mehr Touristen als Einheimische. Eine Invasion quasi.

In unserer Empfangshütte wartet unser Guide, der nahezu übermotiviert aus der Beifahrertür des Vans gehechtet ist, mit einem Haufen Bananenstauden auf uns. „Wash your hands and throw them“, ruft er uns auf die Bananen deutend zu. „The elephants love bananas.“ Sein Englisch ist nicht besonders gut, aber verständlich. Wir entfernen also die einzelnen Bananen von entsprechenden Stauden und werfen sie mit einer leichten Drehung des Handgelenks in die unter unseren Händen stehenden Körbe. „Elephants eat 250 kilo per day“, erklärt unser Guide, als auch er nebenbei einige Bananen zu Elefantenfutter macht. „That is ten percent of their body weight“, fährt er fort. Irgendwie macht ihn sein typisch thailändisch ausgesprochenes Englisch noch ein Stück sympathischer.

Mittlerweile stehen fünf in Kniehöhe gefüllte Körbe mit Bananen vor uns. Unser Guide streckt seinen Arm in die Luft, deutet mit seiner Hand auf die mit Bananen gefühlten Körbe und ordert nochmals fünf von den Elefantenbeauftragten. „Elephants love bananas“, wirft er schmunzelnd in die Runde. Wir zupfen weiter. Nach einiger Zeit der Futterzubereitung für Dickhäuter tropft mir eine Schweißperle auf die Schale einer noch leicht grünen Banane. Das gegenüber hängende Thermometer misst 37 Grad Celsius. Es ist halb Zwölf. „Wenn ich mir überlege, dass die Dorfbewohner so eine Arbeit jeden Tag für einen Hungerlohn… Daran darf man ja nicht einmal denken“, geht es mir voller Mitgefühl durch den Kopf.

Schließlich stehen wir nach insgesamt fünfunddreißig Minuten vor zehn mit Bananen gefüllten Futterkörben, die in Kürze in Rekordzeit verputzt werden könnten. Die Bananen, die wir den Elefanten servieren, erfüllen im Übrigen nicht ansatzweise die von der EU formulierte Bananenverordnung, schmecken allerdings mindestens doppelt so gut, wie die importieren Exponate.

„Ok. Now we take a walk over the street and feed them by hand.“ Seine Augen leuchten. Es scheint, als hätte er in der fürsorglichen Pflege der gräulichen Dickhäuter seine Passion gefunden. Bei den Elefanten angekommen staune ich nicht schlecht: Der Größte der Bande, „Big Daddy Joe“, ist knappe drei Meter groß, während der Kleinste – ein wirklicher Babyfant – mir gerade bis zum Bauchnabel reicht. Er ist erst ein Jahr alt, wie wir später erfahren würden.

Insgesamt stehen also fünf Elefanten vor uns, hungrig wie eh und je und mit den zahmsten Blicken, die mich in den letzten Tagen trafen. Gerade greife ich zu einer Banane und möchte sie Big Daddy Joe in den Rüssel legen, als unser Guide noch einmal das Wort ergreift. „Please be careful with the elephants. They had bad times in their lives“, erklärt er mit ruhiger Stimme. Als er fortfährt, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Jeder dieser Elefanten, der hier vor uns steht, hat seine eigene Leidensgeschichte zu erzählen. Einige wurden qualvoll für Tiershows dressiert, andere erlitten Schmerzen und Quälerei, als sie beim touristisch beliebten Elefantenreiten eingesetzt wurden. Wir mögen sie bitte mit Obacht berühren und behandeln, dann würden sie nichts tun und liebevoll mit uns umgehen. „Oh, and if I tell you to run, please: Just do it!“, beendet er seine Ansprache. Schweigen.

Für ein paar Sekunden bleibe ich wie angewurzelt an meinem Platz stehen, bis auch schließlich ich wieder in die Bananenkörbe greife und das große Füttern beginne. Immerhin haben wir noch viel vor…
Hier geht’s zu Teil Zwei!


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2 Kommentare

  1. Hallo Alex, Deinen Kommentar finde ich toll. In welchem Camp bist Du gewesen?? Wir wollen im Dezember nach Chiang Mai und das Elefant Nature Park anschauen. Würde mich über eine Antwort von Dir freuen 😊

    1. Wir waren im „Save the Elephant“ Park bei Chiang Mai. Du kannst dort verschiedene Aktivitäten buchen, ich würde immer eine nehmen, die in der freien Wildbahn stattfindet. Im Park werden kranke Elefanten gesund gepflegt, wie ich das verstanden habe. In der Natur hast du die Möglichkeit, wirklich eine Zeit lang mit Elefanten zu ‚leben‘. 🙂 Save the Elephants bietet beides an 😉

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