Ein Spaziergang mit Dickhäutern – Teil Zwei

Big Daddy Joe streckt mir seinen Rüssel entgegen und schnuppert an meiner rechten Hand, in der vor ein paar Sekunden noch eine Banane lag, die allerdings für den neben ihm stehenden Babyfanten bestimmt war. Da kleine Elefanten keine härteren Bananen mit grünen Schälen vertragen, füttern wir sie mit geschälten oder weichen gelben Exemplaren. Diesmal zum Leidwesen von Big Daddy Joe, dem Größten der Bande. Ich greife noch einmal in den Korb, der links neben mir auf dem Boden steht und strecke dem überwältigenden Tier vier grüngelbe Bananen entgegen. Joes Rüssel umschließt für einen kurzen Moment meine Hand und saugt schließlich alle vier Bananen an sich. Seine Haut fühlt sich auf eine unbeschreibliche Art und Weise zeitgleich hart wie weich an. Grobe Rillen zeichnen die Struktur seines Rüssels, dessen Spitze ganz weich und hautfarben beschaffen ist. Auf seiner ein wenig eingerollten Rüsselspitze liegen nun vier grüngelbe Bananen, die in wenigen Sekunden in seinem Mund verschwinden werden. Als ich zum letzten Mal seinen Rüssel streicheln kann, entzieht er sich kurz darauf meiner Hand und verschwindet für kurze Zeit im gewaltigen Schatten seines Mundes.

„That’s pretty cool, right?“ Hinter mir steht unser Guide, der mich scheinbar schon seit einiger Zeit beobachtet. Das ‚R‘ spricht er immernoch ein wenig wie ein ‚L‘ aus. „Enjoy, this is really rare“, komplettiert er seine Aussage und klopft mir auf die Schulter. Mit einem Lächeln verschwindet er in Richtung Unterkunft.

Wenige Minuten später stehen zehn leere Körbe zwischen den Elefanten und uns Gruppenteilnehmern. Alles verfüttert. Nun gut, fast alles: Kurz vor Schluss schaffte sich der Mittlere der fünf Dickhäuter sozusagen ein Privatbuffet, indem er seinen Rüssel in den großen Griff des gelben Korbes einhakte und ein paar Meter von der Herde davontrug. Es scheint, als gäbe es nicht nur Menü-Typen in dieser Herde. Doch was weg ist, ist weg.

Während unser Guide noch immer in der naheliegender Unterkunft verschwunden ist, ziehen die Elefanten langsamen Schrittes an uns vorbei und tauchen ihre Rüssel in die nicht weit entfernt stehenden Wassertröge. Es vergehen ein paar Sekunden, bis ich mich doch ein ganz klein wenig an meine Kindheit erinnert fühle: Wie eine Horde zehnjähriger Jungs laden unsere grauen Begleiter ihre Rüsse voll Wasser auf, um sich anschließend gegenseitig zu besprühen. Des Einen Rücken ist des Anderen Ziel. Ein amüsantes Bild, das einige Sekunden anhält.

Schließlich erreicht unser Guide wieder unsere Gruppe und erklärt, was nun passiert. Er hat sich inzwischen ein anderes Shirt übergezogen und scheint bereit zum Aufbruch. Nun würden wir Seite an Seite mit unseren kurzfristig gesättigten Begleitern durch den Dschungel wandern. Eine atemberaubende Erfahrung, wie er zu berichten weiß. „Just enjoy, what we gonna do now“, beendet er seine Ansprache, „and please: Do not walk behind them. Believe me.“ Er grinst in einer anderen, verschmitzteren Art als sonst. So, als würden ihm beim Ausprechen dieser Worte einige lustige Geschichten durch den Kopf schießen, die für uns eher eine Warnung sein könnten. Ich glaube, wir wissen, was zu tun ist.

Wasser für die Elefanten

Wir haben bereits einige Meter zurückgelegt, als ich erschrocken zusammenzucke. Hinter mir ertönt ein lautes Rascheln. Fast so, als würde jemand kräftig an einem der dünnstämmigen Bäume rütteln, die Seite an Seite am Wegesrand stehen. Als ich mich umdrehe traue ich meinen Augen kaum: Vier Schritte hinter mir hat Big Daddy Joe angehalten und sich eine kleine Pause zum Snacken gegönnt. Mit einem langen Ast im Rüssel, der eher wie ein kleiner Baum wirkt, steht der gigantische Vierbeiner einfach da und zerkleinert seine Mahlzeit in mittelgroße verzehrbare Häppchen. Just im Vorbeigehen hat Joe nahezu den halben Baum entwurzelt. Und so scheinbar auch seine Kollegen daran erinnert, dass die Fütterungszeit für Elefanten nie so ganz zu Ende ist. Der Babyfant verweilt einige Meter von mir entfernt an einem kleinen Abhang und zieht lange dünne Gräser mit seinem Rüssel aus dem Boden. In etwa so, wie meine Oma mit ihrer linken Hand das Unkraut ihres Gartens entwurzelt: Greifen, herausdrehen, ziehen. Die Technik scheint sich weltweit und artübergreifend zu bewähren.

Überhaupt bewegen sich die Dickhäuter keine zehn Meter fort, ohne hier und da ein paar Grashalme oder Äste mitgehen zu lassen. Doch wer kann es Ihnen verdenken? Wir würden wohl kaum anders reagieren, wenn man uns die Möglichkeit schenken würde, den halben Tag lang durch ein ‚All you can eat‘-Paradies zu schlendern.

Unser Guide sowie das Team der Elefantenbeauftragten, das uns auf unserem Spaziergang begleitet, macht währenddessen keine Anstalten, die Elefanten von ihrem Tun abzubringen. Es sei ihre Natur und ihre Art und Weise, das Leben zu genießen, wie uns unser Guide zuvor erklärte. Keine Ketten, kein Treiben der Tiere. Im Gegenteil: Sobald ein Elefant anhält, um sich sein Futter zu greifen oder zu verspeisen nehmen die Elefantenbeauftragten sogar ab und an Platz, hocken im Schneidersitz mitten auf dem Pfad, der uns durch den Dschungel führt, und warten, bis der Elefant seine Mahlzeit beendet hat. Nicht ein Hauch von Stress oder Getriebensein. Irgendwie ein tolles Gefühl, diese „Es wird schon alles gutgehen“-Mentalität.

Es vergeht einige Zeit, in der wir voller Ruhe und Bedacht diese einmaligen Lebewesen beobachten und erleben dürfen, bis wir schließlich an einem kleinen See ankommen. „Now it’s time to wash“, erklingt die Stimme, die uns bereits den ganzen Tag begleitet, „you know, what I mean.“ Er deutet auf die beisammenstehende Elefantenherde, die während unseres Spaziergangs nicht gerade zimperlich mit jeglichem Staub, Laub und kleinerem Geäst um sich geworfen hat. Besonders die großen breiten Rücken der älteren Elefanten sind dazu prädestiniert, mit einer kleinen bis mittelgroßen Frischwasserdusche überrascht zu werden, da von grauer Elefantenhaut nur noch wenig zu sehen ist.

Ehe ich mich versehe, sind sich auch die Elefanten über unsere Pläne klar geworden und warten bereits mit dem Rüssel im Wasser baumelnd auf ihre Erfrischung. Das Team verteilt währenddessen etwa handflächengroße bunte Eimer, an die ein kleiner Stiel angebracht ist. „Make them full with water and splash the elephants as often as you can.“ Unser Guide schnappt sich einen der kleinen Eimer, die mehr wie Sandkastenförmchen aussehen, und legt los. Ich ziehe meine Schuhe aus und folge ihm.

Die nächsten Minuten würden die außergewöhnlichsten meines Lebens werden. Wir stehen in kleinen Gruppen mitten im blau schimmernden See am Rande des Dschungels und baden eine Herde Elefanten, denen es sichtlich zu gefallen scheint: Allen voran Big Daddy Joe, der sonst so gigantisch wirkende Anführer, wälzt sich wie ein kleiner Junge im Wasser, lässt sich so oft wie möglich streicheln und albert mit dem Kleinsten der Herde herum. Niemals hätte ich gedacht, dass diese erhabenen Tiere so umgänglich und friedvoll Fremden gegenüber sein würden. Auch die Elefantenbeauftagten sind inzwischen zu echten Wasserratten geworden: Mit jeglicher Kleidung und Ausstattung haben Sie sich ins kühle Nass geworfen und tollen mit Elefanten wie Kindern unserer Gruppe  herum. Aus „Wir baden die Elefanten“ ist eine riesige Wasserschlacht zwischen Mensch und Tier geworden. Zugegebenermaßen sind die Elefanten durchaus im Vorteil, wenn es darauf ankäme – immerhin sind sie uns mit ihren angewachsenen potentiellen Wasserkanonen weit voraus. Doch die Dickhäuter denken gar nicht daran, ihren Rüssel zu nutzen. Wie eine große Famile liegen sie beisammen und lassen sich von allen Seiten bespritzen. Ein traumhaftes Bild.

Als jeder der Teilnehmer bis auf die Haut durchnässt scheint und die Sonne unterzugehen droht, treten wir unseren Rückweg an. Die Elefaten würden den Rest des Tages in der freien Natur verbringen; die Ersten von ihnen werfen sogar schon wieder mit Staub um sich. Es scheint, als würden sie ihre neu gewonnene Freiheit zu schätzen wissen – und vollkommen auskosten.

Es war mir eine Ehre, einen solchen Tag mit diesen großartigen Lebewesen verbringen zu dürfen.

Macht’s gut, ihr Rüsselträger!

 


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