Koh Samui: Paradiesische Blicke und bedenkliche Bilder

„Warte kurz, es fehlt nur noch eine Kleinigkeit.“ Ram läuft in mittlerem Tempo hinter die Rezeption und taucht unter der Theke ab. Wenige Sekunden später steht er mit einer kleinen blauweißen Kühlbox vor uns. „Gut, wir können los.“ Freudig lächelnd sieht er uns an. Unser Privat-Shuttle steht bereits startklar vor dem Hoteleingang. Ram öffnet uns die hinteren Autotüren und deutet mit einer eleganten Handbewegung hinein. Nacheinander nehmen wir Platz. Ram startet den Wagen.


Ein paar Tage verbringen wir nun schon auf Koh Samui. Bisher können wir nicht von uns behaupten, viel von der Insel gesehen zu haben. Nach all den Entdeckungsreisen auf Thailands Festland haben wir diese Insel hauptsächlich dazu missbraucht, uns gründlich zu erholen. Ein ellenlanger Sandstrand soweit das Auge reicht sowie ein eigener Bungalow, den nur einige Meter vom brechenden Blau des Meeres trennen waren Grund genug, lange Zeit an diesem paradiesischen Ort auszuharren. Bis uns fast zeitgleich die langsam auftretende Langeweile zu erreichen schien…


„Die Tour wie besprochen, bloß kein Elefanten-Reiten, richtig?“ – „Muss nicht unbedingt sein“, entgegne ich, „als wir in Chiang Mai waren, haben wir den Save-the-Elephant Park besucht und Elefanten gepflegt, die einige Jahre zuvor zum Reiten missbraucht wurden… Seitdem sind wir quasi zu Gegnern des Elefantenreitens geworden.“ Ram blickt in seinen Rückspiegel und nickt uns zustimmend zu. „Ja, das kann ich verstehen.“ Seinen linken Arm hebend erhascht er einen Blick auf seine schwarze Armbanduhr. „Heute Nachmittag sehen wir uns den großen Wasserfall an. Ich würde euch gern etwas zeigen. Genau zu diesem Thema. Ich finde übrigens, eure Einstellung spricht für euch.“ Überrascht sehe ich zu ihm nach vorn. „Dass wir auf das Reiten verzichten?“ – „Genau. Wisst ihr, es gibt viele Touristen, die sich kein Stück um das Wohl der Tiere scheren und uns als Veranstalter Vorwürfe machen, wenn wir nach längerer Planung der Tour eher vom Elefantenreiten abraten.“ Ram dreht das Lenkrad einmal um einhundertachtzig Grad nach links und biegt ab. „In drei Minuten sind wir schon beim ersten Aussichtspunkt. Macht euch bereit.“

Fluch und Segen zugleich: Am schönsten Ort der Insel

Als ich die Tür zuschlage, steigt mir für eine Millisekunde der unangenehme Benzin-Geruch, der aus dem heiß gelaufenen Abgasrohr austritt, in die Nase. Schnell gehe ich ein Stück voran. „Warte, das ist die falsche Richtung“, ruft Ram mir lachend nach, „wir müssen dort entlang!“ Ich drehe mich um. Wir legen einige Meter zurück und enden schließlich an genau der Treppe, an dessen Statik ich schon im Vorbeifahren gezweifelt habe. „Hier hinauf. Ich verspreche euch, von dort oben habt ihr den tollsten Blick über diese Inselhälfte!“ Die graue Betontreppe hängt einem physikalischen Phänomen ähnelnd an zwei Betonplattformen, die die zwei Etagen des anliegenden Restaurants markieren. Wir steigen über eine kleine Absperrung, passieren das kleine am Rand aufgestellte „10 Baht per Visitor“-Schild und stapfen die ungleichmäßigen Stufen hinauf. Oben angekommen erwartet uns eine große graue Betonplattform, auf der die scheinbar vorgesehene Bestuhlung noch nicht aufgebaut wurde. Das Restaurant ist geschlossen.

„Das ist wirklich wahnsinnig schön“, flüstere ich leise vor mich hin. „Nicht wahr?“, antwortet Ram, der sich mit verschränkten Armen nahezu unbemerkt neben mich gestellt hat. „Manchmal komme ich hierher, wenn ich ein paar ruhige Stunden für mich brauche. Abseits des ganzen Trubels.“ Für einen kurzen Moment schließt er die Augen und atmet tief ein. „Spürst du das? Das bedeutet für mich Freiheit. Nichts hören, nichts sehen und nichts tun zu müssen. Einfach hier sein zu dürfen und den Moment genießen zu können.“ Er blickt noch einmal in die Ferne. „Ich lasse euch nun einen Moment allein. Es ist eure Tour. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht.“ Mit einer knappen höflichen Verbeugung macht Ram einen Schritt zurück und dreht sich gen Treppe. Einen Augenblick später ist er verschwunden.

Gemeinsam mit meiner Freundin blicke ich auf die unter uns liegende strahlend grüne Insel und das angrenzende Meer. Von hier oben wirken die Wellen wie kleine Styroporstreifen, die in unregelmäßigen Abständen an den Strand gespült werden. Das strahlende Grün scheint sich derweil über das angrenzende Hinterland des Strandes gelegt zu haben und überzieht das gesamte Inselinnere. All der Lärm, jede kleine Verschmutzung am Straßenrand, die auf unserem Weg an uns vorbeizog – all das wirkt so unwahr, wenn man die Insel aus dieser Perspektive betrachtet. Hierher hat es der Massentourismus noch nicht geschafft. Ein Traum.

IMG_9380

Als wir die Treppe wieder hinabsteigen, steht Ram gemeinsam mit zwei älteren Frauen an einem braunen Stehtisch und legt drei Zehn-Baht-Münzen auf die Tischplatte. „Ich habe nur noch schnell bezahlt. Die Damen haben ihr Restaurant zwar noch nicht geöffnet, der Blick allerdings war es wert, oder?“ – „Und wie“, entgegne ich. „Sie haben großes Glück, ihr Lokal an diesem wundervollen Ort führen zu können“, lobe ich die zwei Restaurantbetreiberinnen. Beide lächeln mich wohlwollend an. „Wissen Sie, es ist Fluch und Segen zugleich“, beginnt die Linke, „zuvor haben wir ein Café unten im Ort geführt. In Chawenga Beach. Doch auf Dauer sind wir nahezu wahnsinnig geworden: Pure Hektik, mit sich und ihrem Leben unzufriedene Gäste und der Autosmog, der von der Straße hinüber in unser Café zog. Das war nichts für uns. Deshalb sind wir hinauf gezogen.“ Mit ihren Händen deutet sie einem Halbkreis ähnelnd um sich herum. So, als wolle sie noch einmal auf das ohnehin unverkennbare Paradis aufmerksam machen, in dem wir uns hier oben befinden. „Und brauchen jeden Baht, um leben zu können.“ Die beiden Damen lachen sich an. „Aber das ist nicht schlimm. Wir haben hier alles, was wir brauchen. Es ist irgendwie, als würden wir ein bisschen abgeschieden und von der Bevölkerung angeschnitten leben. Das ist okay. Und immerhin kommt hin und wieder ein Gast, der unsere Geschäftsbilanz ein wenig aufpoliert.“

Ram grinst. „Wollt ihr weiter oder noch ein wenig hier bleiben?“ Ich blicke mich ein letztes Mal um und präge mir diesen wundervollen Blick ein. „Von mir aus können wir weiter.“

Wir verbringen einige Zeit im Auto, nehmen einige Sehenswürdigkeiten mit, entpuppen uns das ein oder andere Mal als Vollbluttouristen und bestellen – natürlich ausversehen – ein ziemlich scharfes Mittagsgericht im ‚Hemingways‘. Der Tag verläuft großartig. Viel besser, als den ganzen Tag nur in der Hängematte zu baumeln. Nicht, dass jene Aktivität nicht auch seinen Reiz hätte. Allerdings sind wir innerlich viel zu neugierig, um diese Insel so an uns vorbeiziehen zu lassen.

Am Wasserfall

Es ist bereits Nachmittag, als Ram zum letzten Mal den Wagen anhält und uns bittet, auszusteigen. Er führt uns durch einen kleinen thailändischen Straßenmarkt, von dem ich nicht so recht weiß, ob ich hier je etwas kaufen wollen würde, bis zu einem kleinen steinernen Abstieg. Ein lautes Rauschen dringt in meine Ohren. Mit dem notwendigen Geschick steigen wir den steinernen Abhang hinab und gelangen schließlich zu dem Wasserfall, den Ram uns heute Morgen versprochen hat. „Und, was sagt ihr?“ Er blickt stolz auf das von dem etwa zwanzig Meter hohen Felsen hinab prasselnde Wasser. „Das ist der Größte seiner Art. Auf ganz Koh Samui.“ Ram verschränkt seine Arme und atmet ganz langsam tief ein und aus. „Wirklich beeindruckend“, antworte ich, „aber doch verwunderlich, dass hier so wenige Touristen sind, oder?“ Er lacht. „Da hast du wohl Recht. Aber die meisten kommen noch ein wenig später als wir gerade. Ich bin jetzt mit euch hierher gefahren, damit wir diesen Ort vor dem lauten Klicken der Kameras sehen können.“

IMG_9381.JPG

Wir stehen also vor einem riesigen Wasserfall. Vor dem Höchsten, den ich bisher live gesehen habe. Unendliche Wassermassen füllen im freien Fall den unter dem Felsen liegenden See. Ein wahres Naturschauspiel. „Darf man hier eigentlich schwimmen?“, frage ich Ram. „Ja, allerdings. Wenn ihr wollt, könnt ihr rein. Handtücher haben wir im Auto. Aber ihr solltet euch beeilen. In ein paar Minuten, wenn die ersten Busse anrollen, werdet ihr euch vorkommen wie im Freibad.“ – „Naja, dann lassen wir das lieber“, höre ich mich lachend sagen, „aber sag mal, wolltest du uns hier nicht irgendetwas zeigen?“ Ram winkt uns mit seiner rechten Hand heran und bleibt vor einem kleinen Pfad, der in den Dschungel Koh Samuis hineinführt, stehen. Er deutet tief in den Dschungel hinein. „Seht ihr das dort hinten?“ Etwa zwanzig Meter von uns entfernt irrt ein großer Elefanten mit zwei Menschen auf seinem Rücken durch den Wald. „Das ist das, was hier als Elefantenreiten angeboten wird. Die Tiere werden ganz schön misshandelt. Und leider haben wir auf der Insel keine Chance, etwas dagegen zu tun.“ Traurig blickt er in Richtung des Dickhäuters. „Gar nichts?“, frage ich ungläubig. „Zumindest nichts, was das dieser Tortur auf schnellem Wege beenden würde. Aber ich denke, seit Chiang Mai seid ihr bestens informiert, oder?“ Schweigend und zwiegespalten gehen wir zurück zum Auto. Auf unserem Rückweg passieren wir ein kleines Elefantengehege, in dem ein mittelgroßer grauer Dickhäuter mit einer Eisenkette um den rechten Vorderfuß gebunden zu Hause zu sein scheint. Ein tragisches Bild. „Sorry, aber so etwas lässt sich auf dieser Insel nie ganz vermeiden. Selbst dann nicht, wenn ihr nicht reiten möchtet – an irgendeiner Ecke sieht man so etwas ständig. Leider.“

Resümee

Auf dem Rückweg zum Hotel bleiben mir beide Bilder der Insel erhalten. Endlose paradiesische Küsten, unberührte Natur und eine atemberaubende Stille, die sich über die Insel legen kann, sowie quälende Enge und Misshandlung zugunsten touristischer Attraktionen. Es scheint, als verstärke das Eine die Wahrnehmung für das Andere und umgekehrt.

Und dann ist da noch Ram, über den in dieser Geschichte viel zu wenig gesagt wurde, obwohl wir ihn wirklich ins Herz geschlossen haben. Ram war nicht bloß unser Guide für diesen Tag, sondern während des gesamten Aufenthalts unser Gastgeber. Ich glaube, viele Hoteliers können sich von diesem jungen Mann noch eine ganze Scheibe abschneiden. Ram ist einunddreißig Jahre jung, leitet bereits ein gesamtes Hotel am wahrscheinlich idyllischsten Strands Koh Samuis und ist im Übrigen noch nicht einmal einheimisch! Doch was viele als Nachteil betiteln würden, nutzt er als Vorteil: Er spricht nicht nur fließend fünf Sprachen, deren Buchstaben wir teilweise gar nicht begreifen, sondern besitzt die Fähigkeit, Menschen aller Kulturen zu begeistern. Und genau das macht diesen Ort aus…

Warum aber steht nun im Titelbild „Gastgeber der Zukunft“ geschrieben? Nun, ich glaube, viele Top-Hotels (zu denen Rams Resort übrigens ebenfalls zählt) sollten sich auf einige wesentliche Veränderungen vorbereiten. Heranwachsenden Generationen geht es um andere Werte, als die Sternezahl auf dem Eingangsschild. Klar, ein Qualitätsmerkmal. Viel mehr zählt jedoch das Individuelle, das Persönliche – das, was Menschen dahinter ausmacht. Denn sind wir mal ehrlich: Wer kann schon von sich behaupten, mit dem Hoteldirektor einen ganzen Tag in der thailändischen Natur verbracht und sich anschließend mit ihm via Instagram connected zu haben? Ich glaube, das sind Momente, Werte und Ideen, die es zu verfolgen gilt. Neben all dem Luxus, den sein Hotel zu bieten weiß, sind es solch persönlichen Momente, die den Unterschied machen – und künftig von der Konkurrenz abheben.

Wir zumindest fahren nicht mehr nach Koh Samui, um nur Urlaub zu machen. Wir besuchen zeitgleich einen sehr guten Bekannten…

 


Dir gefällt dieser Artikel? Dann teile diesen Artikel mit deinen Freunden via Facebook oder hinterlasse ein ‚Gefällt mir‘. Ich freue mich über dein ehrliches Feedback!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: