Trauerspiel oder Schicksal: München bei Regen

Es ist Dienstag, siebzehn Uhr. Gemeinsam mit meiner Freundin sitze ich auf dem Bett unseres Hotelzimmers. Unfreiwillig lauschen wir dem Ventilator, der unsere schnurgerade aufgereihten und durchnässten Schuhe zu trocknen versucht. Im Hintergrund prasselt der Regen auf das unter dem Zimmerfenster liegende Hausdach. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich, wie die Wassermassen über die zinnerne Regenrinne hinauslaufen und Tropfen für Tropfen auf den Betonboden platschen. Betrübt blicke ich gegen die weiße Wand. „Das können wir dann wohl vergessen“, stöhne ich genervt von den bayrischen Wetterlaunen vor mich hin. Im Spiegel sehe ich mich meine Augenbrauen hochziehen und meine Lippen enttäuscht aufeinander pressen. Noch immer liegen wir auf dem Bett. Sie weiß nicht, was uns der heutige Abend eigentlich hätte bringen können. Welch‘ Erinnerungen hätten entstehen können, welchen Spaß wir hätten haben können. Doch nichts dergleichen ist möglich. Das Wetter verbietet es. Ich lasse mich ins weiße Laken sinken und hake den Abend gedanklich ab. Verbittert drehe ich mich auf die rechte Seite und liege somit rücklings zu meiner Freundin, die noch aufrecht im Bett sitzt und mir aufgrund meiner neuen Liegeposition behutsam über den Hinterkopf streicht. „Ist doch nicht so schlimm“, haucht sie mir zart in mein linkes Ohr, „wir haben doch schon so viel gesehen.“ Ich schließe meine Augen. „Nein“, denke ich, „das haben wir nicht.“ Immerhin sind wir in München, einer meiner absoluten Lieblingsstädte! Da reicht es nicht aus, einmal durch die Stadt zu laufen, alle Sehenswürdigkeiten abzuhaken und zum vermeintlichen Alltag überzugehen. Wir sind in München, der Stadt, die mich schon so oft so tief in seinen Bann gezogen hat. „Wir haben nicht viel gemacht“, wiederhole ich leise. Ich spüre, wie sie mir einen mitfühlenden Blick zuwirft. Langsam aber sicher plagt mich ein schlechtes Gewissen.

Selbstvorwürfe und Erwartungshaltungen

Noch ein paar Minuten liege ich in meiner kauernd ignoranten Haltung regungslos auf dem Bett. Innerlich weiß ich, dass es allein meine Ansicht ist, die mich diese Emotion durchleben lässt und zugleich meine Freundin belastet. Doch mein Körper möchte das noch nicht so ganz verstehen. Ich liege nach wie vor auf meiner rechten Schulter.

„Weißt du, was ich in den Momenten denke, in denen ich am liebsten zig Teile beim Shoppen sofort kaufen möchte, obwohl ich weiß, dass ich es nicht sollte und auch nicht tun werde?“, erreicht mich eine friedvolle Stimme von hinten, „Eigentlich könnte ich ja unzufrieden sein. Alles kann ich mir ohnehin nicht leisten, obendrein hab‘ ich die Hälfte dessen womöglich schon in anderer Ausführung zu Hause und wirklich brauchen – darüber müssen wir gar nicht reden. Ich kaufe mir also nichts dergleichen und gehe mit leeren Händen wieder hinaus. Früher hat mich das wirklich geärgert.“ Ich fühle an den den wellenförmigen Spannungen des Betttuches an meiner Brust, wie sie sich aufrichtet und ein wenig über mich lehnt. „Aber heute ärgert es mich nicht mehr. Und weißt du warum? Weil ich weiß, dass du unten am Eingang auf mich wartest und wir Hand in Hand wieder hinausgehen. Weil ich weiß, dass wir beide uns haben – und ich schlichtweg nicht mehr brauche, um meine Zeit zu genießen. Du reichst mir völlig aus, alles Andere ist einfach zweitrangig. Deshalb kann mir kein erfolgloses Shoppingerlebnis oder Jahrhundertregen unseren Aufenthalt verhageln. Wir sind schließlich gemeinsam hier. Das reicht doch, um glücklich zu sein. Oder findest du nicht?“

„Love can change the World in a Moment.“ – Ed Sheeran

Wenige Sekunden verharre ich, während ich frontal vor die weiße Wand neben meinem Nachttisch blicke. Dann drehe ich mich um. Ich sehe ihr liebevoll in die Augen, streiche über ihre Wange und küsse sie auf selbige. „Danke“, erwidere ich schluckend. Ich richte mich auf und hebe erst meinen rechten, dann meinen linken Schuh aus der Reichweite des Ventilators. „Gehen wir los.“

 


Sicher hat dieser Artikel nicht viel mit bezaubernden Orten oder dem Reisen per se zu tun. Dennoch war es mir ein Bedürfnis kurz die Momente aufzuzeigen, die es ebenfalls gibt: Tiefs, Null-Bock-Momente und die Frage nach dem Warum. In diesen Momenten brauchst du jemanden um dich herum, der zu dir hält und dich ermuntert. Und ich wüsste niemanden, der das besser kann als du, liebe Jasmin. Schön, dass es dich gibt – und Danke, dass du all‘ das mit mir mitmachst. Ich liebe dich.


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6 Kommentare

  1. Ooooh, richtig schön geschrieben. Da steckt auf jeden Fall ein Autor dahinter. War gleich im Bann des Moments! 🙂
    Übrigens habe ich eiben Monat in München gearbeitet und gelebt und leider nie diesen Bann der Stadt bemerkt. Aber so unterschiedlich können Empfindungen sein. Vielleicht auch, weil ich genau in dieser Zeit OHNE meinem Liebsten war.
    Liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

    1. Merci! 🙂 Ich finde, das ist gerade das Tolle: Jeder hat die individuellsten Emotionen gegenüber den verschiedensten Orten und Geschehnissen. 🙂 Aber dein Liebster kann natürlich ein guter Grund dafür sein… 😉

      Liebe Grüße,

      Alex

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