Home Story: Ein Künstler, der die Welt veränderte

Die gläserne Eingangstür kennzeichnet den Eintritt ins im klassischen Wiener Stil gebauten Gebäude. Wenige Schritte weiter lugt eine Frau über eine hohe, strahlend weiße Theke, auf der beispielhaft ein paar Tickets drapiert wurden, hinüber. Sie lächelt, als wir schließlich unsere Eintrittskarten entgegennehmen und ins Gebäudeinnere verschwinden. Rechts neben der Theke führt eine breite flachstufige Steintreppe mit schwarzem Metallgeländer in die obere Etage. In der Mitte des scheinbar quadratisch erbauten Gebäudes liegt ein kleiner lichtdurchfluteter Innenhof, in dessen oberen Blickfeld die Sicht auf drei verschiedene Wohnungszugänge erlaubt.

Ich stapfe die steinerne Treppe hinauf.

Am grünen Tisch

Eine junge Frau blickt mich erwartungsvoll an und deutet mit freundlicher Geste auf die offen stehende Flügeltür, die in die geräumige Wohnung der ersten Etage hineinführt. Ich folge ihrer Anweisung und betrete mit einem leichten Knarren der Dielen die vierhundert Quadratmeter große Bleibe. Drei Schritte später stehe ich inmitten einer altehrwürdigen elegant geschnittenen Stadtwohnung, die auch heute noch erahnen lässt, wie teuer sie zu damaligen Zeiten gewesen sein muss – und heute, stünde sie zum Verkauf, sicher sein würde. Raum für Raum eröffnet sich mir eine neue Kulisse, die die Facetten des Mannes, der hier seine künstlerischen Werke zu Tage zu bringen wusste, unweigerlich begreiflich machen. Es entsteht geradezu ein physisches Begreifen für jene Zusammenhänge, die im schulischen Musikunterricht so trocken vermittelt wurden.

Die Wohnung indes ist ein wahres Prachtstück. Kein schlauchförmiger Flur verläuft durch die Räumlichkeiten. Der Besucher gelangt direkt von Raum zu Raum. Wie nun die tatsächliche Nutzung der verschiedenen Zimmer ausgesehen haben mag – darüber vermag wohl niemand ein endgültiges Urteil zu fällen. Und vielleicht ist es auch ein Stück weit diese Unsicherheit, dieses Geheimnisvolle, das die Vorstellungskraft noch ein wenig mehr anregt.

Im dritten Zimmer angekommen stehe ich vor einer vollends plakatierten Wand, die mit der Anmerkung „Vermutliche Möblierung des Spielzimmers“ gekennzeichnet ist. Zentrales Element der Einrichtung wäre demnach ein klassisch mit grünem Stoff überzogener Billardtisch. Auch ein Schachbrett wie weitere multifunktionale Brettspiele finden hier ihren Platz – und zeigen allein aufgrund einer gewissen Abnutzung, wie häufig dieser Raum genutzt wurde. Am liebsten sei ihm die Zeit am Billardtisch gewesen, erfahre ich durch die Kopfhörer des Audioguides. Es scheint also wahr zu sein:

Mozart, der größte Komponist unserer Zeit, war ein Spieler. Und ein leidenschaftlicher noch dazu.

Der Malocher

Spätestens nach Falcos „Rock Me Amadeus“ dürfte ein Jeder das Bild des leichtlebigen Rockstars der damaligen Zeiten im Sinn haben, wenn er über Wolfgang Amadeus Mozart zu gedenken anstrebt. Und bei der Einprägsamkeit dieses zugegeben großartigen Songs mag das keinem Wunder gleich zu kommen. Dennoch legt mir seine ehemalige Wohnung eine ganz andere Seite des für seinen verschwenderischen Lebensstil bekannten Musikers offen: Mozart war nicht nur ein Spieler sondergleichen. Mozart war allen voran eine echter Malocher. Komponist, Musiker, Lehrer, Mentor, Dirigent, Vater – um nur einige seiner Tätigkeiten zu nennen. Denn: So oft er seine Zeit mit Freunden, Frau oder Familie am grünen Tisch zu verbringen gedachte, so häufig musste er mindestens durch sein an das Dienstmädchenzimmer angrenzende Arbeitszimmer getigert sein, als er neue Stücke komponierte, mit seinem Schützling Johann Nepumuk Hummel neue Werke einstudierte oder die Generalproben für jene abhielt, bevor sie veröffentlicht wurden. Oftmals verbrachte er Abende bis tief in die Nacht hinein in seinem Arbeitszimmer, ehe er sich in das nebenan befindliche Schlafgemach zurückziehen konnte.

Seine Liebe zur Musik und zum Detail findet besonderen Ausdruck in einer am Arbeitszimmerfenster befindlichen goldenen Spieluhr. Lediglich für diese Uhr komponierte Mozart ein darauf abgestimmtes Stück, das ansonsten nirgends zu finden war. Einzig und allein dieses Sammlerstück kann die Melodie abspielen – und tut es im Übrigen pausenlos…

 

Wer war dieser Mann also: Spieler oder Malocher, Künstler oder Lehrer, Visionär oder Lebemann? Womöglich ist es die unberechenbare Mischung all dieser Eigenschaften, die ihn zu jenem Genius seiner Zeit machten. Womöglich trug sein Vater ein ganzes Stück zu seinem Erfolg bei. Womöglich ist es auch genau Mozarts unwiederbringliche Begabung, die ihn zu einem solchen Individualisten hat werden lassen.

Denn genau das spiegelt sein ehemaliges Heim in Wien wieder: Das Leben eines Traums, die Entwicklung eines facettenreichen Selbst und die unverkennbare Verspieltheit – in Musik wie Charakter.


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