Einmal durch den Magen und zurück.

Montag. Eine neue Woche beginnt. Was für viele Menschen der vermeintlich „anstrengendste Tag der Woche“ oder der „Anfang allen Übels“ ist, ist für mich nichts anderes als ein Tag wie jeder Andere.
Blöderweise möchte mein Montag selbst allerdings noch nicht so ganz beginnen.

Ich liege im Bett. Verzweifelt probiere ich meine Augenlider voneinander zu trennen, was mir selbst nach langem Versuchen nicht gelingen will. Erst, als ich Daumen und Zeigefinger zur Hilfe nehme, erhasche ich zum ersten Mal an diesem Morgen das durch das Zimmerfenster eindringende Tageslicht. Es ist also Morgen. Und grell.
Schnell verkrieche ich mich unter der Bettdecke und drehe mich Richtung Wand. Doch meine vermeintlich gemütliche Position hält nicht lang an. Ein mittleres bis markerschütterndes Matratzenbeben ausgelöst durch ein kraftvolles Niesen meinerseits versetzt das Bett in Schwingung, sodass nun auch meine Freundin aus dem Schlaf gerissen wird.
Es hilft eben doch nichts. In Deutschland ist scheinbar Heuschnupfenzeit.

Einige Minuten später blicke ich mich im Badezimmerspiegel prüfend an. Man kennt ja nun zur Genüge diese Frage, ob man sich denn noch selbst im Spiegel ansehen könne… Nun ja, meine Sicht zumindest ist recht eingeschränkt. Ich betrete die Dusche und lasse das lauwarme Wasser über meinen Körper tröpfeln. Ich befürchte, unsere Pläne fallen ins Wasser.

 

Kann man dazu ‚Nein‘ sagen?

Doch welche Pläne überhaupt? Immerhin ist Montag, ein Tag nach dem Sonntag. Eigentlich der klassische „50-Prozent“-Tag, wenn es nach dem 1-Live-Moderator geht, der mir bei jedem Einsteigen ins Auto für fünf Sekunden den Verstand raubt, bis ich ihn durch ein paar obligatorische Handbewegungen aus dem Autoinnenraum verbanne.
Doch auch abgesehen von der Tatsache, dass ich vor langer Zeit beschlossen habe, keine „50-Prozent“-Tage mehr zu leben, ist dieser Montag besonders. Eigentlich ziemlich besonders dafür, dass wir uns gerade in unserer so verschlafen wirkenden Heimat befinden.
Denn heute ruft nicht irgendein Tag im Phantasialand. Heute ruft der Tag im Phantasialand. Warum, das ist recht simpel…

Vor einigen Tagen noch, als wir eine kurze Zeit in Österreichs Kult- und Hauptstadt Wien verbringen durften, bekamen wir wie aus dem Nichts die Einladung, am Phantasialand-Blogger-Tag teilzunehmen. Treffen sei ab Parkschluss um 18.00 Uhr. Völlig überrascht sagten wir zu.

Und da ist er nun: Der Tag der Tage. Unser erstes Bloggerevent. Voller Vorfreude fiebern wir seit Tagen auf dieses Event zu. Und doch fällt mir nichts Besseres ein, als den Tag nach einer reinigenden Dusche im Bett zu verbringen. Vorerst.

Fast schon hätten wir abgesagt. Immerhin planten wir kurzfristig sogar, den ganzen Tag in Brühl zu verbringen. Und jetzt? Für zwei Stunden bis nach Köln und zurück… Das lohnt doch nicht. Ich drehe mich auf die linke Seite und schließe meine Augen.

Dreieinhalb Stunden später wache ich auf. Meine Nase scheint sich etwas erholt zu haben und auch beide Augenlider öffnen wie eine gut geölte Aufzugtür von ganz allein. Nach ein paar Minuten des Sammelns meiner Körperteile scheint eine Diskussion gar nicht mehr notwendig und ebenso wenig relevant: Wir fahren nach Köln.
Warum – das kann ich gar nicht erklären. Es ist einfach so ein Gefühl, dem es sich nachzugehen lohnen könnte. Und wer weiß, vielleicht zahlt es sich ja aus.

Wo liegt eigentlich dieses Klugheim?

„Ich glaube, wir sollten hier nicht parken“, sage ich mich umblickend zu meiner auf dem Beifahrersitz eingesunkenen Freundin. Wir beschließen letztlich doch hier zu parken.
Ein paar Meter entfernt von uns wirkt es, als sähen die weinroten Gemäuer des Ling Bao Hotels auf uns hinab. Ihr vertikales Ende verläuft in die kunstvoll geformte Dachkante des Hauses, klassisch im asiatischen Stil verziert. Ein wundervoller Anblick nach all den typisch deutschen Fassaden, die uns auf unserem Weg hierher begegneten.

Wir laufen in Richtung Hoteleingang; es ist spät. 17:56 Uhr. 18:00 ist Treffen. Nach kurzer Nachfrage an der gut klimatisierten Hotelrezeption stehen wir inmitten einer Gruppe Blogger, die teils unauffällig, teils wie Werbebanner bekleidet auf ihren großen Moment warten. Wortfetzen wie „Vlog“, „Clips schneiden“, „Onride-Aufnahme“ oder „360-Grad-VR-Video“ stechen aus dem Gemurmel das ein oder andere Mal deutlich hervor. Neben meinem rechten Fuß stehen ein paar mittelgroße schwarze Taschen, die ich aus meiner Studienzeit zu kennen vermute. Wie sich wenige Zeit später herausstellt, liege ich richtig: Ein Großteil der Teilnehmer macht sich an den Taschen zu schaffen und entpackt – oh Wunder – unzählige Kameras jeder Größe. Wie gut, dass ich nur schreibe. Ein Stift ist wesentlich leichter.

Kurz darauf geht’s los. Wir verlassen den Innenhof des Hotels Ling Bao und spazieren zum Parkeingang. Heute würden wir uns die neu eröffnete Themenwelt „Klugheim“ ansehen. Ganz exklusiv. Vollkommen leergefegt, nur für uns geöffnet. Wir passieren den in der Nähe des Mystery-Castle gelegenen Asia-Shop und kommen schließlich im neu eröffneten Klugheim an. Ich glaube, hier hat sich das Phantasialand selbst übertroffen.

Einblick in den neuen Themenbereich "Klugheim" im Phantasialand Brühl

Von Detailverliebtheit und physischen Extremen

Vor unserer Einladung war ich oft im Phantasialand. Wundersamerweise konnte ich als Kind nichts mit Freizeitparks anfangen. In der Pubertät sollte sich das ändern. Unzählige Male graste ich mit Freunden und Familie das ganze Programm von Movie Park bis Disneyland ab. Und doch blieb das Phantasialand etwas besonderes. Eben, weil es ein Land  war, kein Park. Liebevoll gestaltet, nicht effizient mit Achterbahnen zugestellt.

Doch was uns heute im neuen „Klugheim“ erwartet, sprengte unsere Erwartungen noch bevor wir überhaupt eine Bahn testen konnten. „Jeder Eimer, jede Fassade hat eine Geschichte“, erzählt uns eine Leiterin unserer Gruppe voller Inbrunst. Sie scheint wirklich zu genießen, was hier geschaffen wurde. Und das zurecht: Klugheim hat etwas von einem geheimnisvoll wirkendem Dorf, das nicht so recht entdeckt werden möchte. Zahlreiche Felsvorsprünge bohren sich entlang der Wege aus den Wänden, von Blumenkästen an Häusern bis zur passenden Typografie hat man an alles gedacht. Selbst Nicht-Freizeitpark-Fans, wie ich es einst war, dürften hier auf ihre Kosten kommen und ihren Träumen nachgehen.

Nach einem kleinen Zug quer durch Klugheim betreten wir die erste Achterbahn. Raik erwartet uns. Laut Beschreibung der längste Family-Boomerang der Welt. Was auch immer das bedeuten mag. Nachdem wir den Wartebereich im Schnelldurchlauf passiert und die Sicherheitsvorkehrungen befolgt haben, steigen wir ein.

Als wir zwei Minuten später rückwärts im „Bahnhof“ einfahren, weiß ich die Beschreibung zu deuten: Raik ist keine normale Achterbahn. Raik fährt wie er will und in welche Richtung er will – und die lautet vornehmlich: rückwärts.

Wir fahren insgesamt sechs Runden, bis mein Magen zum ersten Mal nach Aufmerksamkeit verlangt. Während ich am Ausgang warte, rauscht Raik noch das ein oder andere Mal mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit an mir vorbei. Irgendwie faszinierend.

 

„Danke, einmal reicht“: Taron, der Endgegner

Als auch die letzten Teilnehmer der Gruppe ihre Onrides machen konnten, ziehen wir mit einem kleinen Umweg am Kiosk vorbei, um meinen vertrocknenden Körper wieder zu bewässern, weiter zu Taron. „Klingt irgendwie wie der große Bruder von Raik“, eröffne ich meiner Freundin meine dahinfließenden Gedanken. Doch so falsch sollte ich gar nicht liegen: Der Beschreibung konnte ich zwar einmal mehr nichts entnehmen, jedoch hinterlassen die sich um die kleinen Häuser schlängelnden Stahlschienen gewaltig Eindruck. Genau wie seine Geräusche, die selbst in Raiks Sitzen nicht zu überhören sind.

Zeitsprung.

Ich steige aus. Die Welt, die ich durch mein im Laufe des Tages wieder gesundetes Augenpaar wahrnehmen kann, scheint sich ein wenig um seine eigene Achse zu drehen. Mein Blickfeld ähnelt einer verwackelten Kameraperspektive. Taron hat mich geschafft. Noch nie habe ich eine so extravagante Achterbahn erlebt: Keine nackten Schienen, sondern eine faszinierend echt wirkende Themenwelt. Kein klassischer Kettenzug gen Himmel, sondern ein mehr als überraschender Kickstart, der meine Wirbelsäule in die Tiefe der Rückenpolsterung des Sitzes drückt. Eine Achterbahnfahrt, die Respekt auf allen Ebenen verdient: kontrunktionell als auch kreativ.

Taron ist eben doch der Endgegner des Phantasialands. Zumindest für meinen Magen.


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