Das Leben ist der beste Lehrer

Leer. Es fühlt sich so leer an. So, als hätte ich etwas verarbeitet.

Mit beiden Füßen stehe ich etwa neun Zentimeter vor dem Abgrund. Ich grabe meinen rechten Fuß ein kleines Stück in die Erde und schiebe etwas Kies in Richtung Abgrund, bis er hinunterfällt. Gespannt und zeitgleich vorsichtig bücke ich mich über die Kante und blicke den fallenden Steinen nach bis sie nicht mehr zu sehen sind.

Unter mir erstreckt sich eine akkurat geformte Felswand in die Tiefe, auf dessen Fuße ein kleiner Bachlauf in das Tal hinab plätschert. Nur eine leichte akustische Nuance des unten entlang fließenden Baches erreicht meine Sinne, so still fließt er dahin. Hin und wieder umkurvt er den ein oder anderen mit Moos bedeckten Stein. Fast so, als wolle er ihn schützen und sein Grün bewahren. In seiner durchdringenden Klarheit erkenne ich bei genauem Hinsehen die Spiegelung des strahlend blauen Himmels.

Balsam für die Seele. Typisch für Island.

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Sattsehen als Augenöffner

Und doch ist nicht dieser Anblick das eigentliche Highlight unseres Ausflugs. Vielmehr soll der gut einhundert Meter in die Tiefe stürzende Wasserfall die Krönung unserer Wanderung sein. Ob es sich jedoch lohnt, diesen steinigen Pfad hinauf zu steigen, allein um den gefühlt fünfzigsten Wasserfall Islands bewundern zu können, kann ich noch nicht einschätzen. Vielmehr spielt sich gerade die so wunderbar wirkende umliegende Natur mit all seinen Details in den Vordergrund.

Die Klippen, die wir Schritt für Schritt passieren, sind bei genauem Hinsehen in exakt sechseckiger Form in den Stein gefräst. Bei einem abschweifenden Gedanken an Trolle und Elfen, die hier – isländischen Sagen folgend – ihr Unwesen treiben, könnten es fast schon minimalistische Skyscraper sein, die sich die Klippen hinauf strecken. Zwar scheint es einleuchtend, dass Elfen, Trolle und sonstige Wesen eher wenig Interesse an neuzeitigen Hochhäusern hegen. Dennoch regt Islands atemberaubende Vollkommenheit zum Phantasieren an.

Nicht die vielen Wasserfälle, Naturschauspiele oder andersartigen Erlebnisse sind es schließlich, die diese Insel zu etwas Besonderem machen. Ich glaube, es der oberflächliche Glauben, sich an Wasserfällen und Co. sattgesehen zu haben, der es erst ermöglicht, die kleinen Besonderheiten wahrzunehmen. Die kleinen dunkelblauen Blumen, die am Wegesrand ihre Knospen öffnen, die kleinen Bäche, die wie kleine Äderchen durch die Berglandschaft verlaufen und schlussendlich in einen majestätischen Wasserfall münden. Und auch die winzigen Gesteinsformationen, die nicht durch Beschilderungen erklärt sind. Sondern einfach sein dürfen – und so von den wenigsten Besuchern erkannt werden.

Ich glaube, wir dürfen es uns erlauben in einer Zeit zu leben, in der wir Dinge langsam angehen lassen und den aktuellen Moment spüren. Wir dürfen die Kamera getrost einmal stecken lassen – auch wenn es schwer fällt bei solch einmaligen Erlebnissen. Denn oft sind die Worte, die wir finden, wenn wir ganz genau hinsehen und hinhören, viel mehr wert als jedes im Vorbeigehen geschossene Foto. Auch für jene, die nicht dabei sein können und nur von unseren Erzählungen auf dem heimischen Sofa zehren können. Wie viel schöner ist schließlich ein eindringliches Gespräch voller Phantasie verglichen mit einer dreiminütigen Diashow, die lediglich Kommentare der Kategorie „Echt schön“ aus unserem Gesprächspartner hervorlockt?

Ich bin mir sicher, ich habe etwas gelernt. Und gespannt, was ich noch lernen darf. Es fühlt sich ein bisschen so an, als sei das Leben eben doch der beste Lehrer.


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