Von Touristen, Wasserfällen und dem Glauben

Mit großen Worten stieg ich ins Flugzeug Richtung Norden, mit ganz kleinen Tönen werde ich zurückkommen: Es ist eben gar nicht so simpel, von jetzt auf gleich zum Profi-Camper zu mutieren.Zugegeben, das habe ich mir anders vorgestellt. Und dennoch werde ich natürlich nicht aufgeben und das Zelt nie wieder anrühren.

Vielmehr würde ich mich in Zukunft um einiges besser vorbereiten. Und vielleicht ab und an auf meine weise Mutter hören, die zwar nicht aus Erfahrung, sondern aus schlichter Abneigung dem Campen gegenüber, diesen Verlauf vorausgeahnt hatte.
Dennoch weiß ich die morgendliche Zeit im Zelt zu nutzen, während meine bessere Hälfte im Übrigen in meinem Daunen-Schlafsack sanft vor sich hin schlummert – was tut man nicht alles.

Ich greife links neben meinen Schlafplatz und lande mit gestreckten Fingerspitzen auf dem Buchrücken meiner aktuellen Lektüre. Die Nektarinen verfehle ich glücklicherweise ganz knapp und auch das Wasser bleibt nach einem kurzen Wackler auf dem Flaschenboden stehen.
Ich lese die „Gesetze des Denkens und Glaubens“ von Dr. Joseph Murphy. Ein spannendes Buch.

Murphy behauptet darin nicht weniger, als dass man alles erreichen könne, wenn man nur fest genug daran glaubt – und dafür betet. Für einen nicht unbedingt klassisch gläubigen Menschen wie mich eine ziemlich fadenscheinige Herangehensweise, einen Gott anzubeten, von dessen Existanz ich noch nicht ganz überzeugt bin. Doch im Verlaufe des Buches entwickle ich ein völlig neues Verständnis von „Gott“ und der Bibel. Meiner Interpretation zufolge klingt es fast so, als sei die Bibel das erste wirkliche Motivationsbuch der Welt gewesen. Man müsste die Geschehnisse nur in den richtigen Zusammenhang bringen, und schon konnte Jesus nicht dem Blinden zum Sehen verhelfen, sondern wäre quasi nur sein „Augenöffner“ auf psychischer und sozialer Ebene. Tausende dieser Beispiele schießen mir durch den Kopf, während Murphy mit seinen Ausführungen fortfährt. Ich bin begeistert. Wer weiß, vielleicht werde ich in den nächsten Tagen doch das ein oder andere Mal bewusst und mit den richtigen Worten ein Gebet sprechen. Nicht zu Gott im klassischen Sinn, sondern mehr zum Universum… Könnte ja klappen.

Während einigen Einheiten meiner morgendlichen Lesestunde erreicht mich schließlich ein Augenzwinkern aus dem Nachbarschlafsack. Sie ist wach.

Reisen vs. Urlaub: Macht das einen Unterschied?

Nach der obligatorischen Morgenhygiene starten wir in den Tag. Mit vollbeladenem Auto verlassen wir unsere Schlafstätte und fahren der Sonne entgegen, die ohnehin niemals unterzugehen scheint. Bloß für drei Stunden verkriecht sie sich ab Mitternacht ganz knapp unter den Horizont, bis sie wieder auftaucht.

Während des monotonen Entlangfahrens der endlos erscheinenden Ringstraße kreuzen einige Backpacker sowie gemietete Kleinstwagen unseren Weg. Einige der Backpacker bleiben hin und wieder unverhofft stehen und halten den linken Daumen über die Fahrbahn. Meist erfolglos.

Aber wem könnte ich’s verübeln: Der Familie, die zu viert gequetscht im Hyundai i20 Platz sucht oder etwa uns selbst, die wir die gesamte Rückbank beladen sowie den Kofferraum ausgeschöpft haben? Wo nichts passt, passt nun mal nichts. So schade das auch sein mag.

Dennoch bleibt mir die Frage, wofür Island eher geeignet sein würde: Für einen Familienurlaub zu viert oder doch eher zum Trampen, Backpacken und Campen?
Erkenntnisse vom Aldeyarfoss

Als Beispiel dient mir die Situation, der wir uns zuletzt voller Adrenalin und Freude ausgesetzt haben. Auf Anraten einer einheimischen Gastgeberin sind wir nach Besuchen des Dettifoss ins Inland in Richtung Aldeyarfoss gefahren. Ein Wasserfall, der — wie sich herausstellen sollte — ein echter Geheimtipp ist. Kaum Touristen, kaum Autos, absolute Ruhe. Aber eben nicht ganz:

Damit wir den Wasserfall in trauter Zweisamkeit genießen konnten, blieben wir nicht wie jeder andere Besucher am hoch gelegenen Plateau mit Blick über die gesamte Landschaft stehen, sondern kletterten die etwa 60 Grad steile Felswand langsam hinab – bis zum Fuße des Wasserfalls. Dort verweilten wir einige Zeit, wirklich allein.

Etwa zehn bis fünfzehn Meter über unseren Köpfen trudeln Touristen ein und aus, gelegentlich hören wir ein Klicken der mitgebrachten Spiegelreflexkameras.

Irgendwie erleben diese Menschen Island anders als wir. So durch die Smartphone- oder Kamera-Linse. So unberührt. Frei nach dem Motto „Gesehen und weiter“.

Aber ich glaube, das ist normal. Zumindest dann, wenn der Island-Aufenthalt bedeutet, dass man in einem völlig überteuerten und zeitgleich zu kleinen Mietwagen die Ringstraße abklappert und bei den bekanntesten Wasserfällen kurz Halt macht. Immerhin ist das Land teuer und die Zeit knapp. Und Island will ja schließlich entdeckt werden.

Aber ist es wirklich sinnvoll, seinen womöglich einzigen Jahresurlaub — eine Zeit, um zu entspannen — im wilden Norden mit der ganzen Familienbande zu verbringen? Ich glaube nicht.

Ich glaube, Island ist ein Land, das entdeckt werden möchte. Mit genügend Zeit, Equipment und Geduld. Island zu bereisen heißt für mich, Augen und Ohren offen zu halten und die Natur zu genießen. Entspannung vom Alltag ist etwas anderes — und auf die für Deutsche typische Art hier sicher nicht zu finden.

Wer Island besucht, sollte sich also im Klaren darüber sein, was dieses Land bedeutet und nicht als 08/15-Tourist ins Landesinnere einfallen. Dazu ist dieses Land schlichtweg zu schön. Und seine Natur zu wertvoll.


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2 Kommentare

  1. Ohhh was für ein schöner Beitrag!! Ich finde deine Schreibweise ganz toll, vor allem wie du Island beschreibst wie man sie richtig „entdecken“ kann!
    LG Sani

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