Der Ort, an dem Zucker noch gesund ist

Nach all den Tagen auf Weltreise, durfte ich gemeinsam mit meiner Freundin zwei Tage bei meiner Oma verbringen. Eine Reise in die Kindheit, wenn man so will. Und was soll ich sagen? Es war einmal mehr eine wundervolle Zeit. Und: Man lernt nie aus…

„‘Xander, ich habe Kuchen gebacken – komm schnell!“ Ich hurtete aus dem Garten zurück in Richtung Haus, stürzte die fünf Treppenstufen zur Terrasse hinauf und saß unverzüglich am Küchentisch.

Wenn Oma rief, weil sie gebacken hatte, konnte sich niemand zurückhalten. Weder mein Opa, dessen „Ich steche die Gabel immer quer in den Kuchen“-Technik mir bis heute im Kopf geblieben ist, noch irgendjemand sonst aus unserer Familie konnte sich kontrollieren, wenn es um Omas heiß geliebten Betonkuchen ging.

Es war stets ein Fest, wenn die durchsichtige Kuchenplatte aus dem Schrank gehievt wurde, um Omas Spezialgebäck darauf zu platzieren.

Allerdings gab es auch Zeiten, in denen wir nicht bloß Betonkuchen aßen, sondern ich mit Oma gemeinsam backen durfte. Was eine Ehre! Einmal – als wäre es gestern – haben wir eine vielschichtige Schalke-Torte gebacken, die ihrem Namen natürlich ausschließlich meinem Lieblingsklub zu verdanken hatte. Und dessen Zusammensetzung war alles andere als leicht: Wir schnitten einen dicken Kuchenboden in drei oder vier Teile und füllten die entstandenen Zwischenräume mit NussPli und Marzipan. NussPli ist übrigens das Nutella für Insider.
Damit das Werk komplett war, überdeckte eine von meiner Oma eigenhändig ausgerollter Marzipan-Decke den gesamten Kuchen, den wir anschließend mit Lebensmittel-Farbe zur Schalke-Torte verzierten.

Das waren noch Zeiten.

Und heute? Ist eigentlich alles wie gehabt. Zumindest fast. Mein Opa ist inzwischen verstorben, seine Bank, die stets hinten im Garten stand, hat mit ihm das Zeitliche gesegnet und Zucker ist inzwischen ungesund geworden und absolut gar nicht mehr hipp.

Und so unvermeidbar erstere Veränderungen nun einmal sind, so vermeidbar erscheint mir Letztere.

Ist das ungesund – oder meine ich das nur?

Denn meine Oma hat eine ganz einzigartige Art und Weise, mit Lebensmitteln und ihrer Ernährung umzugehen, von der sich sicher noch einige selbst ernannte Ernährungsberater eine Scheibe abschneiden können: Sie lebt das, was wir unter bewusster Ernährung verstehen. Und das heißt nicht, auf alles zu verzichten und ausschließlich Möhrengrün zu knabbern. Ganz im Gegenteil: Von allem ein bisschen und nie zu viel. Ja, dazu zählt auch Zucker.

Und um ganz ehrlich zu sein: In ihrer Nähe erscheint es mir persönlich auch gar nicht mehr ungesund. Es fühlt sich mehr an wie ein absolut privilegiertes Luxusgut, wenn Kekse nicht aufgerissen und binnen weniger Minuten auf die Mägen aller Anwesenden verteilt werden. Oma öffnet eine Packung Kekse nahezu mit Hochachtung, legt das Papier so beiseite, dass man es bei Bedarf noch einmal verwenden könnte und drapiert den Inhalt inmitten einer extravaganten Schale, die sie vor zig Jahren gekauft und bis heute wohlumsorgt erhalten hat.

Es stellt sich mir also ganz klar die Frage: Ist gesund nicht vielleicht auch, was der Seele gut tut und dem Herzen Flügel verleiht? Ist gesund nicht vielleicht, was Tradition hat und Momente schafft, die einzigartig in Erinnerung bleiben?

In jenen zwei Tagen, die ich einmal mehr mit meiner Oma verbringen durfte, habe ich folgendes gelernt: Das, was wir heute als „ungesund“ bezeichnen, war früher ein absolutes Luxusgut. Das, was wir heute „bewusste Ernährung“ nennen ist schlicht oftmals ein schamloser Verzicht auf jegliche Gaumenfreuden, nur um uns von anderen zu differenzieren.

Wirklich gesund ist das, was uns zufrieden stellt. Und das ist – wenn ich bei meiner Oma bin – ein ordentliches Stück Betonkuchen und eine Tasse Kakao mit Sahne beim Mensch ärgere dich nicht.

 

Danke, liebe Oma. Ich hab‘ dich lieb.


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  1. So wunderschön geschrieben. Bei Oma ist sowieso alles anders und schön. Omas (bei mir war es die Großtante als Omaersatz) sind die Besten.
    Hab einen schönen Abend!
    LG
    Yvonne

    Antworten

    1. Ja, liebe Yvonne, da hast du wohl Recht. Bei Oma gelten andere Regeln. Warum, das weiß ich auch nicht… Aber es ist wirklich wundervoll. Und ob Großtante oder Oma – die Emotion zählt!

      Antworten

  2. Hallo Alex,
    ich bin ganz sicher: Gesund ist, was der Seele gut tut und dem Herzen Flügel verleiht. Gesund ist, was Tradition hat und liebevolle Erinnerungen schafft. Manchmal gehört dazu Zucker…
    Liebe Grüße
    Steffi

    Antworten

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