Koksende Genies: Sigmund Freud

„Müssen wir hier schon rein?“ Wir stehen vor einer verschlossenen weißen Flügeltür ohne Beschilderung. An den uns umgebenden Wänden stehen lauter Zitate geschrieben, die aller Wahrscheinlichkeit nach den ein oder anderen Denkanstoß geben sollen.

Nach kurzer Überlegung folgen wir den Zitaten die Treppe hinauf. Ein Schild mit der Aufschrift „Bitte klingeln“ wartet am oberen Ende der Treppenstufen auf uns. Es markiert den Eingang zu jener Wohnung, in der Sigmund Freud zu wohnen vermochte, bevor er samt Familie ins Londoner Exil fliehen musste.

Der heutige Museumseingang markierte einst die Schwelle zu seiner Praxis. Heute erwartet uns eine freundlich dreinblickende Wienerin mittleren Alters, die mit ihrem freundlich dezenten Lächeln eine wirklich herzliche Atmosphäre schafft und uns postwendend zwei schwarz schimmernde Audioguides entgegenstreckt. „Bitt’schön, für Sie zwei“, wienerlt Sie. Irgendwie angenehm, diese Aussprache. So persönlich und zeitgleich hochgestochen.

Ich nehme einen Audioguide in die Hand und hänge mir das angesteckte Band um den Hals. Mit freien Händen betrete ich also Freuds Praxis.

Freud, der Sammler

Als ich die ehemalige Praxis des Psychoanalytikers zum ersten Mal betrete, wirkt es nahezu wie ein Museum in einem Museum: Die Wände, jedes Regal und sogar jede Fläche der neben der Eingangstür stehenden Vitrine ist zum Opfer eines selten Sammlerstücks geworden. Fast schon zwanghaft erscheint diese scheinbare Leidenschaft zum Sammeln. Und dennoch würde das Wartezimmer selbst heutzutage sicher mehr hergeben als die kalkweißen Räume der modernen Praxen.

Hindurch das Wartezimmer setze ich den ersten Fuß auf die knarrenden Holzdielen des Behandlungsraumes. Kontrastprogramm. Nicht ein Möbelstück. Nichts. Lediglich die Skizzen und dreidimensionalen Zeichnungen an den vier Wänden des Raumes lassen erahnen, wie es hier zu Lebzeiten Sigmund Freuds ausgesehen haben mag. Und trotzdem: Ein Kribbeln in meiner Bauchhöhle vermag mir mitzuteilen, dass es hier nicht bloß um eine beliebige Wohnung eines beliebigen Prominenten geht. Es ist Freuds Wohnung. So wenig ich mich auch zuvor mit seiner Person selbst beschäftigt habe, so mächtig erscheint mir in diesem Moment seine Persönlichkeit. Neben all den Schriften und Theorien umschwebt mich dieses undefinierbare Gefühl, das man sicher kennt, wenn man sich einer vermeintlich so entfernten Person so nah fühlt, obwohl es die Logik der Realität nicht zulässt. Mir ist, als könne ich den Geist der Inspiration spüren, der seine Wirkung entfalten durfte.

Gerade im angrenzenden Arbeitszimmer erwarten mich noch mehr unzählige Eigenheiten Freuds, die ihn Stück für Stück immer greifbarer werden lassen. Da ist sein absolut unergonomisch geformter Stuhl, auf dem er in einer unglaublich unbequem erscheinenden Position zu verharren wusste, wenn er beispielsweise ein Buch las oder an einem Projekt arbeitete. Und dann ist da auch noch die kleine Geschichte vom Koks, von dem er seit einer experimentellen Phase nie wieder ganz die Finger lassen konnte. Oder die Zigarren, die er zur Entspannung rauchte und nicht mehr davon abließ. „Wie konnte ein so intelligenter Mann seiner Gesundheit solch schweren Schaden zufügen“, frage ich mich unterbewusst. Vielleicht wusste er es nicht. Doch was wahrscheinlicher ist: Es war ihm bewusst. Wahrscheinlich sogar sehr bewusst. Und dennoch hat er weitergemacht. Womöglich ein klassischer Genießer, der sich bewusst war, dass das Leben ohnehin tödlich enden würde.

Doch nicht nur seine Praxis zeugt von außergewöhnlichen Geschichten und Erinnerungen. Auch die angrenzende Wohnung steht jener um nichts nach.

Zwar erscheint mir auf den ersten Blick die Praxis als Kernstück und spannenderen Part des Museums, dennoch hütet auch seine ehemalige Privatwohnung das ein oder andere Geheimnis.
Seine ungewöhnliche Beziehung zur Schwester seiner Frau zum Beispiel, mit der er allerlei Reisen in ferne Länder unternahm und einen innigen Briefaustausch hegte. Ohnehin schien Freud das Reisen nicht als Urlaub zu sehen, sondern als die Essenz des Lernens von der Natur und der Welt selbst. Doch die Reisen mit seiner Schwägerin schienen ihn besonders zu begeistern – nicht umsonst wird ihm öfter als ihm lieb wäre eine heimliche Affäre mit jener nachgesagt.

Was bleibt übrig vom Besuch?

Könnte ich diese Frage genau beantworten, wäre ich ein ganzes Stück weiter. Ich glaube, einen besseren und tieferen Eindruck dessen bekommen zu haben, was es hieß, Sigmund Freud gewesen zu sein. Und doch bleibt er andererseits nach wie vor ein unlösbares Rätsel – zumindest menschlich.


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