Der Staub auf der Schatztruhe

„Ich würde meine Träume leben, Geld ausgeben, mehr verreisen und sicher auf ein bisschen einkaufen. Und meiner Mum würde ich noch ein bisschen Geld geben.“

Die Antworten auf die Frage, was man eigentlich mit mehr Geld – vielleicht einer oder sogar zwei Millionen – anstellen würde, sind so unterschiedlich wie zugleich simpel.

Wir alle möchten unsere Träume leben – ohne genau zu wissen, was das eigentlich bedeutet. Wir alle möchten unser Geld in Dinge investieren, die uns Freude bereiten – ohne zu wissen, dass uns diese Dinge niemals tiefgreifende Freude bereiten werden. Wir alle möchten mehr Reisen antreten – ohne überhaupt zu wissen warum und wohin. Und wir alle würden mit mehr Geld auch ein bisschen in Sinn bringende Dinge investieren. Zumindest in solche, die uns selbst zu einem gesteigerten Wohlgefühl verhelfen. Wie zum Beispiel, unserer Mutter ein wenig Geld zuzustecken, damit sie es besser hat. Immerhin hat sie uns unser Leben lang begleitet, uns unser Leben lang unterstützt. Und wir? Waren sicher nicht immer dankbar, haben oft gestritten, viel geweint und auch viel geschrien. Investieren wir also in unsere Mutter, damit sie sich ein besseres Leben leisten kann oder investieren wir, um unser schlechtes Gewissen zu bereinigen und uns mit diesen im Unterbewusstsein schwelenden Themen nicht mehr befassen zu müssen?

Selbiges gilt für unsere Träume: Wir möchten unsere Träume leben! Und diese Floskel kommt uns so leicht und so oft über die Lippen, dass eine Definition vollkommen überflüssig erscheint und die Aussage zur reinen Selbstdefinition taugt. Denn immerhin sprechen wir von Träumen: Dingen, die wir uns gern vorstellen, denen wir nachhängen und die uns in unserer Vorstellung beglücken. Doch die Träume aktiv leben? Das geht ja kaum. Wie auch? Das Hamsterrad – dieses abgedroschene Ding, von dem jeder spricht, wenn er über seinen elendigen Alltag und sein Unwohlsein klagt – dreht zu schnell.
In Wahrheit wissen wir gar nicht, was unsere Träume sind, sondern verschanzen uns hinter dieser Aussage, um ein wenig an der Oberfläche der Schatztruhe zu kratzen. Nur, um sicherzustellen, dass sie noch da ist.

Denn solange das der Fall ist, solange die Schatztruhe gefüllt mit unseren Träumen noch unter unserem Bett steht und wir theoretisch jederzeit die Möglichkeit haben, sie zu öffnen… So lang sind wir auch reich! Zumindest theoretisch.

Denn öffnen würden wir diesen Schatz nicht. Dieser Schatz bleibt gut verstaut. Genau wie unser Geld auf unserem Sparkonto, das wir für nichts weiter als seinen Selbstzweck verwenden: Wir sparen. Aber wir sparen, damit wir uns mal was erlauben können. So viel steht fest. Und irgendwann, wenn es o weit ist… oho! Irgendwann, dann geht’s rund. Wenn die Aktienwerte steigen, wenn sich all die Ersparnisse endlich auszahlen, wenn die Kinder aus der Schule sind, wenn das Studium abgeschlossen, wenn die Doktorarbeit in trockenen Tüchern ist, wenn jenes oder solches endlich vorbei ist, DANN!

Dann öffnen wir die Schatztruhe, gefüllt mit unseren Wünschen und Träumen. Dann strahlt uns der gold’ne Schein entgegen. Dann ziehen wir sie endlich unter unserem Bette hervor, pusten den Staub vom alten Gefährt und klicken die Schlösser auf.

Und doch sind wir nicht erfreut, wenn wir leben, was wir finden. Irgendwie hatten wir uns das mit den Träumen anders vorgestellt. Irgendwie erfüllender. Irgendwie glorreicher. Irgendwie so, als würde man als erster Mensch überhaupt die Zugspitze erklommen haben und nun am höchsten Punkt die Flagge mit dem eigenen Familienwappen in den Boden rammen.

Doch nichts dergleichen geschieht. Wir haben gespart, getan, gemacht, geschuftet und geträumt. Und jetzt, jetzt an diesem famosen Tag, auf den wir so lang gewartet haben… Jetzt ist alles anders.

Denn jetzt stellen wir fest, dass nicht der Traum das Ziel, sondern der Weg dorthin das eigentliche Abenteuer ist, das es zu leben gilt.

Denn an diesem Punkt stellen wir zwangsläufig unser bisheriges Sein infrage. Wir stellen fest, dass wir uns irgendwie tot gewartet haben, ohne etwas davon zu merken. Und das hätten wir auch weiterhin getan, wäre nicht der rettende Anker – das abgeschlossene Studium oder das gefüllte Sparkonto – endlich greifbar gewesen.

Irgendwann werden wir uns der Frage stellen müssen, warum wir nicht früher „aufgewacht“ sind und alles inklusive uns selbst einmal in Frage gestellt haben, nur um festzustellen, wer wir wirklich sind.

Um festzustellen, dass unsere Träume oder Potentiale nicht in einer Truhe unter unserem Bett oder in einem teuren Luxus-Store in Regalen stehen, sondern schlichtweg tief in uns verankert sind. Wir müssten uns nur selbst einmal ehrlich gegenübertreten und zulassen, was wir sehen.

Uns nicht verstecken hinter Markenkleidung oder Doktortiteln. Alles ablegen und einfach Mensch sein. Denn nur so würden wir bemerken, wer wir wirklich sind – und was wir wirklich wollen.

 

Doch keine Sorge, das tun wir nicht. Im Gegenteil, wir setzen uns einfach ein paar Ziele, überkleben sie mit einem Etikett, auf dem in fetten Lettern „TRAUM“ geschrieben steht und verdrängen somit unsere innersten Begierden und Sehnsüchte.

Denn das ist einfach einfach. Es ist so schön simpel, sich selbst zu erzählen, was wir wollen – ohne einmal Nachforschungen anzustellen. Zumal wir uns selbst nun einmal glauben. Wem auch sonst?

Und deshalb gönnen wir uns auch in dieser Hinsicht eine kleine Denk- und Gefühlspause, um uns nicht zu sehr zu überanstrengen. Wie anstrengend wäre es schließlich, wenn wir uns vor uns selbst entblößen würden und dann erkennen, dass wir eigentlich jemand völlig anderes sind, als unser Selbstbild uns vorgaukelt.

Das wäre viel zu anstrengend.


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