Die Lektion, die niemand lernt

Ich stehe an der Kasse. In meiner Hand halte ich eine Ananas, deren grüne Krone stetig an meinem Unterarm kratzt.

Vor mir steht ein Mann mittleren Alters. Er trägt eine alte, hellblaue Jeans und graue Sicherheitsschuhe. Seine Haare schimmern leicht fettig im kalten Licht der Neonröhren, die das Fließband, das sein Ende bei der Kassiererin findet, beleuchten.

Auf dem Band machen drei Dosen RedBull, eine Packung Zigaretten, die aus dem automatischen Zigarettenkasten soeben auf das Band gefallen waren, sowie eine Tafel Schokolade breit. Inmitten dieser Produkte liegt ein einsamer Apfel, der ähnlich schimmert wie die fettigen Haare des Mannes.

Der Mann gibt keine Acht auf seine Gesundheit. Aber das macht nichts. Denn er weiß es nicht. Und auf diese ganzen gesunden Phrasen legt er keinen Wert. „Es ist ja noch immer gut gegangen“, wird er sich sagen. Und dass man sich durch eine gesündere Ernährung besser fühlen könnte, kann er sich nicht vorstellen.

Er greift zur Zigarettenschachtel, als die Kassiererin den Strichcode mit einem lauten „Piep“ eingescannt hatte und ihm entgegen schiebt. Sein Bizeps zieht sich zusammen, als er seinen Arm krümmt.

Fitness ist ihm wichtig. So wichtig, dass seine Familie manchmal darunter leidet – aber das fällt ihm gar nicht auf. Dass man sich beim Training darüber hinaus gesund ernähren sollte, um den Körper wirklich gesund zu halten, davon hat er zwar schon gehört. Aber Gedanken macht er sich darüber nicht. Die Muskeln wachsen schließlich. Und das ist das Einzige was zählt. Das sieht man ja auch.

Sein Auto riecht nach stickigem Rauch und eingesessenen Stoffsitzen. Den Fußraum des Beifahrersitzes zieren einige McDonalds-Papiertüten, die er nach der Arbeit immer sorgsam beim McDrive auf die Ablage stellt und während der Fahrt öffnet, um die Burger mit einer Hand zu vertilgen, während die Andere das Auto lenkt. Ein wahrer Genuss.

Er findet, sein Leben macht Spaß – und ist gut so wie es ist. Dass all das tödliche Nebenwirkungen haben könnte, ist für ihn nicht greifbar. Schließlich sagt es ihm niemand.

Man sagt zwar, der Körper würde ständig mit einem kommunizieren – aber reden kann er scheinbar nicht. Und darum wird er nicht gehört. Was nicht zu sehen oder zu hören ist, existiert für ihn nicht.

Sein Körper jedoch schreit. Sein Körper weiß nicht mehr wohin mit sich. Sein Körper weiß nichts mehr mit sich anzufangen und verarbeitet Tag für Tag Giftstoffe.
Für ihn ist es normal geworden. Etwa so, als würde man sich an die Sklaverei gewöhnen. Aber sein Körper hat das geschafft. Denn sein Körper ist ein Genie. Sein Körper verlangt mittlerweile sogar immer mehr und mehr – bis er schließlich nicht mehr kann.

„Aber dann war es wenigstens ein gutes Leben“, würde sich der Mann dann sagen. Zumindest würde er das zu Anderen sagen. Innerlich würde er sicher etwas bereuen. Aber nach Außen niemals kommunizieren. Vielleicht würde er in diesem Moment feststellen, dass menschlicher Genuss nicht im Konsum unzähliger Süchtigmacher und Giftstoffe, sondern in einfachen Momenten an unbeschreiblichen Orten mit bezaubernden Menschen geschieht. Und dass Konsum – in welcher Hinsicht auch immer – kein Stück dazu beiträgt.

Doch dann würde es zu spät sein. Dann hätte er die Chance verspielt. Dann wäre es endgültig aus. Und die Lektion umsonst gelernt. Denn sein Körper gibt nun auf.

Und ein Fahrer ohne Auto – das ist noch Zukunftsmusik. Genau wie ein einhundert prozentig gesunder Mensch.

Ich lege meine Ananas auf das Kassenband und zücke mein Portmonee.


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  1. Was schreibst du da? Meine Muskeln wachsen immer also bin ich gesund

    Antworten

    1. Alex Schreiner 31. Oktober 2017 at 9:18

      So ist es! 😉

      Antworten

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