Survival of the Fittest

„Lernt endlich Deutsch!“ – Wer die aktuelle Flüchtlingssituation oder überhaupt die Integration von Ausländern in Deutschland verfolgt, wird sich an solche Forderungen nur allzu gut entsinnen können – oder sie gar selbst schon gestellt haben.

Doch ich möchte diesen Spieß einmal umdrehen, wenngleich die Gegenüberstellung dieser zwei Situationen nicht unbedingt eins zu eins dieselbe sein mag…

„Ach, was soll der Quatsch mit der Körperbedeckung?“

Viel zu oft sehe ich Deutsche in ganz offensichtlich zu knapper Bekleidung in muslimischen Moscheen stehen und sich beklagen, dass es doch absolut unmenschlich sei, sich so zu verhüllen. Ja, das kann ich nachvollziehen – was ich aber nicht nachvollziehen kann, ist die darin innewohnende Intoleranz den Menschen gegenüber. Jener, der vor unserer klischeedeutschen Reisegruppe steht, hat diese Werte sein Leben lang inhaliert und kennt keine andere Realität. Selbiges gilt für uns, schon klar. Aber in diesem Moment befinden wir uns nicht in unseren heimischen Gefilden, sondern als Tourist in einem anderen Land! Und daran wollten wir uns doch um Himmels Willen anpassen.

Wir verhalten uns oftmals so, als besäßen wir ein Patentrecht auf den heiligen Gral des kulturellen Miteinanders. Woher aber nehmen wir uns zeitgleich das Recht, selbst im Ausland die dortigen Einwohner als Ausländer zu bezeichnen?

Ja, vielleicht sind uns manche Kulturen fremd und vielleicht ist uns nicht gerade danach, uns an jene Kultur anzupassen. Das mag schon sein und ist vollkommen legitim. Aber: Sich an dieser Stelle zu beschweren, zu meckern und zu maulen ist schlechtweg nicht angebracht. Gefällt es uns nicht, können wir doch einfach gehen. Aber das reicht uns nicht: Wir sind wahre Meister darin, anderen unsere Meinung, unsere Lebensweise und unser Lebensgefühl aufzudrücken. Wer anders ist, wird schon passend gemacht. Und lässt er das nicht zu, strafen wir ihn mit Spott, Häme und Missachtung.

Und das sogar in seiner Heimat! Faszinierend.

Wie sinnvoll ist es aber in Wahrheit, einen Keil zwischen zwei Menschen zu treiben, bloß weil ihre kulturelle Herkunft einander nicht entspricht?

Ich glaube, wir Menschen beziehen uns viel zu sehr auf uns selbst. Identifizieren uns mit unseren vermeintlichen Meinungen und Ansichten und fallen aus der Rolle, sobald jenen Ansichten etwas zu widersprechen scheint. Doch dabei vergessen wir eines so leicht: Unsere Meinung, unsere Ansicht, all das, was wir zu sein gedenken, haben wir irgendwann einmal gelernt! Und zwar nicht auf andere Weise, als es andere Menschen ebenso gelernt haben. Das Problem ist bloß: Wir kommen aus unserem Dunstkreis in der Regel nicht heraus und öffnen uns daher nicht für Neues. Blöd gelaufen.

Dieses Spiel spielen wir etwa ein paar Jahrzehnte lang. Und im Biologie-Unterricht laufen wir der längst widerlegten These hinterher, all das sei zum größten Teil „genetisch vorgegeben“. Wir lernen also ganz kategorisch in frühester Kindheit, intolerant zu sein.

Natürlich geben wir das nach außen niemals zu. Nach außen sind wir nicht intolerant, aber… Natürlich nicht. Wie könnten wir. Denn über all diese Einstellungen werfen wir den Deckmantel der persönlichen Toleranz. Die Anderen sind schließlich das Problem.

Dass wir selbst innerlich unter Unmengen an Vorurteilen zu leiden haben, gestehen wir uns nicht ein. Manchmal wissen wir sogar gar nicht, dass es überhaupt Vorurteile sinddenen wir erliegen. Gutgläubig laufen wir durch unser Leben und hören jenen zu, die es ja wissen müssen. Wer selbst nachdenkt, wird komisch angeschaut. Dafür gibt es doch Professoren, Doktoren, Dozenten, Lehrer, Denker und Dichter. Also wirklich.

Den eigenen Verstand einschalten? Fehlanzeige. Auf das eigene Bauchgefühl hören? Fehlanzeige. Endlich damit aufhören, sich mit fremden Lehren zu identifizieren? Fehlanzeige. Wir lernen von Anderen im Glauben, diese seien unfehlbar.

Und dabei laufen wir leider doch nur im Kreis.

Am Ende sind wir alle in derselben Situation. Vollkommen gleich, welche Kultur, welches Land oder welches Leben: Wir identifizieren uns zu einhundert Prozent mit dem, was uns gelehrt wird. Sich einzugestehen, dass manche Menschen, vielleicht sogar unsere Eltern, Lehrer oder – Gott bewahre – das Bildungssystem falsch liegen könnten, kommt uns nicht in den Sinn.

Wir haben also die Weisheit mit Löffeln gefressen. Und das lassen wir jeden spüren, der ebenfalls dieser Meinung ist, aber nicht in unser Weltbild passt.

Dabei sind wir eigentlich nur Menschen. Schon eigenartig.


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