Abflug am Morgen

Beim letzten Mal saßen wir an einem anderen Platz. Mit einem anderen Blick. Einem anderen Kellner. Einem anderen Ziel.

Mit vielen Komplikationen, die wir uns nicht auszumalen wagten. Mit unvertrauten Menschen, einem kleinen Mittagessen und dem Fremden Im Café.

Diesmal ist es anders. Diesmal sitzen wir an einem anderen Platz. Mit einem anderen Blick. Einer anderen Reise. Und: Einem unnötigen Flug.

Von Düsseldorf über München nach Barcelona. Das ist etwa so, wie von München über Köln nach Stuttgart zu fahren. Zumindest gefühlstechnisch.

Doch Flughäfen am Morgen haben auch was Gutes, wenngleich die unnötig lange Anreise nicht dazuzählt: Menschen sind morgens am ehrlichsten. Wobei, vielleicht nicht am ehrlichsten. Aber am offensten.

Die Wenigsten haben die nötige Kraft bereits entfesselt, sich die ach so freundliche und einheitlich geschnitzte Maske über ihr Sein zu ziehen – und lassen sich treiben.

Von der Nacht, vom Schlaf und von allen Einflüssen, die noch ungefiltert auf sie einprasseln. Oder nur ich bin es, der diesem Schicksal erliegt. Das mag auch sein. Möglicherweise spiegle ich mein Innenleben auf meine Außenwelt. Wer weiß.

Doch der Morgen am Flughafen hält wunderbar nackte und offene Momente für mich bereit.

Der Junge, der sich seines ersten Fluges bewusst wird und sich dreimal absichert, ob sein bunt bemalter Kindergürtel auch mit ins Flugzeug darf. Ob seine Kopfhörer gegen ein prioritäres Reglement des öffentlichen Luftverkehrs verstoßen. Oder seine kleine Jacke tatsächlich abgenickt wurde.

Bewundernswert, wie sehr sich diese kleinen offenen Bücher für Details interessieren. Angetrieben von ein wenig Sorge um das Bevorstehende und ein klein wenig Bammel, der es ihnen von Zeit zu Zeit kalt den Rücken hinunterlaufen lässt.

Oder der Südländer mittleren Alters, der schon seit Stunden hinter dem kleinen tabletgroßen Bildschirm hinter der Sicherheitskontrolle sitzt und sein Kinn stützen muss, damit sein von der schwerfälligen Tätigkeit belastetes Haupt nicht in seinen Schoß sinkt und ins Reich der Anderswelt fällt.

Die Dame beim Check-In, die sich so genussvoll ihrem Gemütszustand hingibt und kein „08/15-Sie sind bei uns Willkommen-Airline-Lächeln“ aufsetzt, sondern so erfrischend ehrlich wirkt.

Die Lady, die mir das Tablet entgegen reicht und dabei keine Miene verzieht. Weil sie so gut wie ich weiß, dass ihre Berufswahl sie quält. Vielleicht weiß sie, dass sie mich mit ihrem Lächeln nicht auch noch aufgesetztermaßen quälen muss. Aber das ist unwahrscheinlich. Sie versinkt schlicht in Unwohlsein am frühen Morgen.

Im Laufe des Tages wird sich das ändern. All das wird sich ändern.

Der kleine Junge wird supercool aus dem Flieger stolzieren und ein Selfie mit Peace-Zeichen auf Instagram posten. Der Südländer wird sich seine Uniform ausziehen, die Sonnenbrille bei bewölktem Himmel auf die klimaanlagengekühlte Nasenspitze schieben und seine Zigarette anzünden. Die Dame beim Check-In wird sich zusammenreißen und ihr Airline-Lächeln wiederfinden. Und die Lady, die mir das Tablett über die Theke schob, wird sich an ihrem Spind umziehen und ihr kleines Kind vor dem Kindergarten in die Arme schließen.

Nur der Morgen ist es, der ehrlich ist. Die Menschen wirken derweil als Spielzeuge im großen Netze der Launen der Natur. Besonders am Flughafen.

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