Das Gemüt der Kellnerin beim Servieren

Was stört uns eine Träne im lachenden Gesicht? Sie macht uns nichts! Sie stört uns nicht. Sie gibt uns keine Genugtuung. Keine Garantie. Keinen Abbruch unseres Handelns. Unseres Sehens. Sie ist, was sie ist: Eine Träne.

Und selbst dann, wenn sie nicht sichtbar ist – bleibt sie dort. Sie mag verschluckt, versteckt oder verhindern sein. Vermieden, verschmäht oder verlacht. Vermeintlich falsch, vermeintlich unerwünscht. Vermeintlich egoistisch, vermeintlich selbstsüchtig. Vermeintlich altruistisch, vermeintlich egozentrisch. Vermeintlich nicht vonnöten. Vermeintlich unbrauchbar. Imageschädigend. Unangebracht. Beschämend.

Wahr.

Die Träne, vermieden in ihrem Sein, dringt durch. Wie der Klang einer ungerade gespielten Violine. Wie der Klang eines sterbenden Wals. Wie der Klang eines schräg geschorenen Schafs. Wie das Gemüt eines geschlagenen Kinds. Das Gefühl eines anderen Ichs im falschen Körper. Das Gefühl eines unpassenden Lebens am doch richtigen Ort. Das Denken einer anderen Person im eigenen Körper. Das Sein eines anderen Ichs in der doch selben Person. Das Sein von zwei Seiten. Verschreckt und beschnitten.

Eine nicht vergossene Träne ist armselig. Eine nicht vergossene Träne ist Sünde. Das, was Emotion nicht zulässt, mag diese Träne zu spiegeln. Das, was Menschen brauchen, vermag diese Träne zu sein. Das, was wir als so unpassend empfinden, ist jenes, was wir so häufig ersehen. Eine nicht vergossene Träne ist jene, die die Welt sich zu sehen ergötzt – und doch nie erhält.

Weil wir, die selbst ernannte Menschheit, sich über jenes und welches erhebt. Bestimmt, was Recht ist und was nicht. Was sittlich ist und was nicht. Was gemeint ist und was nicht. Was erwünscht ist und was nicht. Was wir wollen und was nicht. Was erwünscht ist und verneint. Was wir dürfen und was nicht. Was als ethisch korrekt gilt und was nicht. Was wir mögen – und was als fremd abgetan.

Wir – jene, die die Träne nicht ver- sondern erdrücken. Sind es nicht wir, die im selben Zuge unseres Atems ebenso ein Lächeln verkneifen, ein Springen vermeiden, ein Sein verneinen, das Reine verschmutzen und uns selbst benutzen?

Ein Symbol der Lebensfreude, der Tragik, der Trennung, des Triumphs, des Erfolgs, des Nichtsnutz, des Nicht-Seins und des Seins, des Hasses und der Liebe, des Könnens und Versagens, des Ankommens und des Abschieds. Ist es nicht das, was wir wünschen?

Eine Emotion, die uns in Worte fasst? Die Struktur verblasst, den Rahmen hasst, durch die ihr Systeme verlasst und Werte schafft.

Wichtig ist, was nichtig ist. Da nichtig ist, was wichtig scheint. Ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Ding, das uns eint. Ein Ding, das uns trennt, vereint, so sehr meint und nicht wahr erscheint.

Etwas, das wir verdrücken, wenn niemand schaut. Das wir verschlucken, wenn’s im Raume raunt. Das wir nicht nennen, wenn wir gefragt. Und beginnen zu rennen, wenn es uns plagt.

Damit niemand sieht, was uns schwächt. Und unser Antlitz uns nicht verlässt.

Wenn sie den Teller leise stellt. Und uns dann mit ihrem Lächeln quält.

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