23 Sekunden in Palmas Hafen

Sie stehen dort jeden Morgen. Ein paar Meter entfernt vom peitschenden Wasser. Nur wenig entfernt von den nassen Strapazen. Zwischen kalt flimmernden Neonröhren und der unendlichen Güte der Natur. Über ihnen, das können sie nicht sehen, umarmt ein rosaroter Horizont ihr Tagwerk.

Sie tragen grelle Warnwesten. Damit sie besser erkennbar sind. Zu dritt stehen sie eng beisammen. Zündeln mit Feuerzeugen, um ihre morgendliche Portion Tabak zu inhalieren. Hinter ihnen ein alter Bürostuhl, der nach ewiger Drehung vollkommen egalitär zum Stehen kam. Auf dem niemand gern sitzt. Weil er bedeutet, dass nun die Arbeit beginnt.

Und hier, das sieht ein Jeder, arbeitet niemand gern. In Front der großen Dampfer, die, sobald sie sich auf’s weite Meer hinaus begeben, nur eine Leere und einen weiten Blick auf den offenen Ozean hinterlassen.

Ein Neuer tritt ins Bild. Er schlendert, die Hände versteckt in den tiefen Taschen seiner Sicherheitshose, hinüber zum kleinen Cointainerhäuschen und verschwindet darin. Licht erscheint. Hinter den weißen Gitterstäben vor den zwei winzig wirkenden Fenstern bewegt sich sein Schatten hin und her.

Drei weitere Männer treten aus der großen Halle hinaus. Die Arme schüttelnd, als wollten sie den täglichen Stress von sich werfen. Von einem Bein auf das andere taumelnd. Wieder und wieder.

Niemand liebt es hier zu arbeiten. Doch würde ich es wagen. Einen Tag in diesem fremden Leben zu verbringen. Nur um einmal nach Hause kommen zu dürfen, über meinen Beruf klagend und meine Kinder in die Arme schließend.

Ich beneide diese Menschen. Doch das wissen sie nicht, wie sie dort unten vor mir stehen. Sich unbeobachtet fühlend. Frei von jedem Blick.

Nur der meine ist es, der ihnen vielleicht etwas Unwohlsein bereitet, jede ihrer Bewegungen und Unterhaltungen fixierend. Und borgt sich etwas ihres Lebensgefühls.

Sie werden nicht wissen, in welchem Glück sie leben. Und manch ein Leser mag nun klagen, welch Anmaßung diese Worte seien. Entweder, weil er oder sie sich in selbiger Situation befindet, oder weil es für ihn oder sie nach einem Nicht-zu-schätzen-Wissen dessen, was ich erleben darf, klingt.

Doch Letzteres kommt nicht zum Tragen. Ich beneide diese Menschen. Ein jeder geht mit jedem einher. Raucht gemeinsam ein, vielleicht zwei schnelle Zigaretten am Morgen. Teilt seinen lauwarmen Tankstellenkaffee mit jedem Kollegen und dann, ja dann beklagen sie sich gegenseitig über ihr Leben. Ach, welch Genuss!

Welch Genuss, nicht nur einen, sondern viele Brüder und Schwestern im Geiste zu haben. Die das Leid des Einen teilen und durch ihr eigenes abzuschwächen wissen.

Wie gern wäre ich nur für einen Tag dort unten, bei dem verstaubten Bürostuhl. Spräche fließendes Spanisch, rügte das Leben für seine Strafen und käme abends nach Haus. Wissend, dass das, was ich des Tags verrichte, am Ende doch einen Sinn hat.

Und dann, wenn es zweiundzwanzig Uhr schlägt, nicke ich vor dem Fernseher ein. Jeden Tag. Bis zum Freitag.

Die Sonne geht auf.

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