Verbalverkehr am Gruppentisch

Wer sitzt, öffnet den Knopf seines Sakkos. So viel weiß selbst ich. Erst kürzlich habe ich ein Video eines YouTubers und selbst ernannten Online-Königs angerissen, als ihm dieser Fauxpas unterlief. Der Stoff am Knopfende stellte sich als spannender heraus, als der Videoinhalt selbst.

Dabei sollte man meinen, dass wer sich in solchen Kreisen voller Glanz und Gloria umtreibt, zumindest die Grundregeln des alten Knigges kennen sollte.

Fehlanzeige. Scheinbar interessiert es nicht, wer früher welches Benimm an den Tag legen musste, um dazu zu gehören. Oder man möchte einfach nur oberflächlich dazu gehören. Oder aus der Masse herausstechen. Oder hat einfach keine Ahnung.

Letzteres klingt sinnvoll.

Ich für meinen Teil knüpfe mein Sakko mit einer lockeren Handbewegung auf, als ich mich an einen Tisch im wohl begehrtesten Lokal an Bord begebe. Mensch, was hab ich mich herausgeputzt. Richtig fein gemacht. Zwar kein Anzug, aber lässig chic trifft es allemal.

Den Stuhl meiner Begleitung zieht ein bereits aufs Vorzüglichste erzogene Kellner so weit zurück, sodass sie einer Dame gemäß Platz nehmen kann. Ich setze mich ebenfalls. Wir befinden uns inmitten einer Dreierreihe von eng an eng platzierten Pärchentischen. Jeder Tisch mit einer abwechselnd roten und gelben Rose versehen. Tischabstand: Fünfzehn Zentimeter. Ein Augenschmauß. Ein Glas Rosé-Champagner vervollständigt das Bild. Wie gemalt.

Im Hintergrund plätschert klassische Musik aus den Boxen. Das Prickeln des Champagners klingt durch seine gläserne Hülle. Der Boden summt. Wir stoßen an. Verliebte Blicke. Ein Lächeln. Ein Schluck.

Es dauert nicht lang, bis die traute Zweisamkeit ein rasches Ende nimmt. „Table No. Twentynine for you, Sir.“ Eine fremde Stimme asiatischen Akzents ertönt. Zu meiner Rechten gleitet ein Herr mittleren Alters in einen mit hellem Kunstleder überzogenen Sessel. Weißes Haar, detailgenau konturierter Bart. Drei Millimeter. Schwarzes Jackett, weißes Hemd. Abgestimmt auf sein Haar. Vielleicht. In jedem Fall klassisch.

Binnen Sekunden legt sich der Duft maskulinen After Shaves einer leichten Nebelwolke ähnlich über Tisch und Bank. Unverkennbar. Passend gewählt. Gut beraten.

Ihm gegenüber eine Lady. Seine Lady. Leicht identifizierbar.

Kurzhaarschnitt, Nickelbrille und ein ehemals feurig anziehender Blick. Etwas faltig. Aber nicht zu faltig. Sie lächelt. Sympathisch. An ihrem Handgelenk ein grüngoldener Armreif, etwas weiter vorn ein Ring.

Sie unterhalten sich nicht. Wir stoppen ebenfalls unser Gespräch.

Vornehmes Nicken. Die Damen unter sich, die Herren ebenfalls. Eine Begrüßung gehört sich. Stille. Fünfzehn Zentimeter sind zu wenig, um Intimitäten auszutauschen.

Oberflächentalk. Der Champagner sprudelt eindringlich in mein Ohr.

Ein weiteres Pärchen betritt den Raum. Links neben uns. Nebendarsteller im ewigen Stück. Nicht von Relevanz. Gelegentliche Auftritte zieren ihr Dasein. Ein wenig Lustlosigkeit hier, zu wenig Gemeinsamkeiten da. Weitere fünfzehn Zentimeter für die Katz.

Der Champagner ist alle. Jetzt kommt der Wein. In genauer Abfolge. Mir soll’s recht sein. Meinem Sitznachbarn nicht. Er bestellt eine gesonderte Flasche. Es mache ihm nichts aus, sagt er, dass er es extra zahlen müsse. Das sei in Ordnung. Er habe es schon viele Male so gemacht.

Ich verstehe nicht viel von Wein. Nur, dass ich probieren muss, wenn man mir einschenkt. Eindrucksvoll und als wüsste ich, was ich täte, schwenke ich das Glas unter meinen Nasenflügeln entlang, schließe dabei die Augen und nehme einen kleinen Schluck. Mein Unterkiefer beginnt zu kreisen. Die Flüssigkeit fährt Achterbahn. Ich schlucke. Ich nicke. Schmeckt. Mehr weiß ich nicht.

Mein Sakko steht offen.

Wir trinken den empfohlenen Wein zum Menü. Ist inklusive. Nur das Wasser kostet. Aber das ist nicht der Rede wert. Die paar Euro. Am Nachbartisch zu meiner Rechten beginnen leise Gespräche. Nichts von Bedeutung. Geschäftliches Gerede. Auch wir nehmen unser Gespräch auf.

Der Wein fließt in Strömen durch die anwesenden Kehlen. Schluck für Schluck senken sich die Hemmschwellen der Beteiligten. Gespräche öffnen sich. Untereinander, verzahnt, miteinander. Letzteres nur kurz und sporadisch. Immerhin.

Zu meiner Linken herrscht Stille.

Ab und an und immer häufiger gleitet ein Ohr über die Tische. Mal in die eine, mal in die andere Richtung. Gesellt sich hier oder dort dazu. Völlig uneigennützig, aus reiner Neugierde lernt man den jeweils Nächsten kennen. Wenn am eigenen Tisch Stille herrscht.

Der Rotwein kommt. Zumindest für uns. Das Paar zu meiner Rechten trinkt den ganzen Abend Rotwein. Exklusivflasche. Preis egal. Glas für Glas für Glas. Dann: Katastrophe. Der eigentlich aufmerksame und wohlerzogene Kellner, der uns bereits den ganzen Abend umschwirrt wie eine Biene die Blüte, verwechselt die schwarze mit der dunkelgrünen Flasche. Unverzeihlich. Und doch ein ironisches, nahezu sarkastisches Spiel des Schicksals.

Ehe ich mich versehe, trinke ich den exklusivsten Rotwein des Lokals. Die zarten Lippen meines Sitznachbarn kräuseln sich. Als würde er billigen Fusel in Empfang nehmen. Oder Kräuterschnaps herunterwürgen. Ich schmunzle.

Der Kellner nicht. Er bringt ein neues Glas. Nicht für mich. Für den Nachbartisch. Schon ein Tropfen des falschen Weins kann den Geschmack seinesgleichen trüben. Habe ich mir sagen lassen. Geschmeckt hab ich’s nicht. Das tut wohl niemand. Wein, glaube ich, erkennt man am Etikett. Und am Preis. Alles andere ist hartes Training.

Je mehr Wein, desto intensiver die Kommunikation. Desto intimer die Themen. Desto geringer die Hemmungen. Jetzt geht’s rund.

Liebe, Familie, Verkehr, Streitigkeiten. Wein rein, Wort raus, Hose runter.

Ein paar Stunden später. Hauptgang. Ich kenne den Nachbartisch besser als meine nächsten Verwandten. Aber das macht nichts. Guter Wein lässt Hüllen fallen. Aber was unter dem Siegel des Korkens gesprochen, bleibt unter jenen, die ihm unterliegen. Ähnlich wie auf Mallorca. Nur teurer. Und exklusiver.

Am nächsten Morgen täten wir ohnehin so, als würden wir uns nicht kennen.

Edel bleibt, wer schweigt.

Weiter. Dessert. Blicke treffen sich. Münder gekreuzt. Ohren gespitzt. Wie definieren? Über Berufe. Nicht Persönlichkeiten. Das kommt später. Zwar kennen wir die Lieblingsstellung des jeweils Anderen unlängst aus traubenbefleckten Randgesprächen. Aber wir können schweigen. Wie ein Grab.

Ansehen ist gefragt. Wer hat was wovon und wie viel. Das ist hier die Frage.

Kurz geprollt. Dann geprotzt. Schluck genommen. Und vorbei. Gespräch zu Ende. Nichts gesagt. Nicht gefragt. Nur geredet. Sinn verfehlt.

Benimm ist eben doch mehr als ein Knopfe am Sakko.


 

Tatsächlich hat sich unser Abend im Rossini auf der AIDAperla etwas anders zugetragen als hier beschrieben. Nur der Beginn, die Dreierreihe mit all seinen Tücken, entspricht der Wahrheit. Das Pärchen, das sich von mir aus gesehen rechts neben uns befand sowie die zwei nicht mehr Verliebten zu unserer Linken. Mit den einen — unseren rechten Nachbarn — verstanden wir uns prima, kamen ins Gespräch und genossen ein bis zwei Gläser gemeinsamen Wein.

Was ich in diesem Text allerdings beschreibe, trifft nicht auf uns zu. Sondern entspricht den Beobachtungen des gesamten Abends an verschiedensten Tischen in meinem Blickfeld — die ebenfalls diese berüchtigten Dreierreihen belegten.

Um in solchen Restaurants, einige Stunden meiner Kindheit haben mir dies eindrucksvoll vermittelt, vor lauter Benimm und Anstand nicht völlig zu verkommen, braucht es Witz, Humor und Gesprächsbereitschaft. Gerade in Umgebungen, die das genaue Gegenteil fordern. Hier gilt: Wer sich selbst unterdrückt, wird sich langweilen. Geradezu unglücklich.

Umso dankbarer bin ich für meine Freundin, die mich aushält und für jeden Spaß zu haben ist und an diesem Abend ebenso für unsere rechten Nachbarn, die uns Zeit für Zeit den Abend versüßt haben.

Schön, euch kennengelernt zu haben.

Und an dich, der du gerade diesen Text liest: Knüpf’ dein Sakko auf oder nicht — deine Entscheidung. Mach’s so, wie du dich wohl fühlst. Und ganz wichtig: Verbringe jeden Abend so, wie du ihn in Erinnerung haben möchtest. Und nicht dein Nachbartisch.


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