Schlittenhundkostüm

Luft. Mir fehlt Luft. Zu wenig draußen. Ich bin zu wenig draußen. Und dann noch Screens. Zu viel Screens. Und zu lang. Viel zu lang.

Hieß es nicht, diese Nomaden müssten nicht arbeiten? Lügner. Alles Lügner. Nomaden arbeiten ja doch. Und zwar wie Hunde. Arbeitende Hunde. Nicht wie solche, die den ganzen Tag lang im Körbchen liegen und sich den Bauch kraulen lassen. Wir sind Arbeiterhunde. Die, die in Grönland den Schlitten ziehen. Genau, solche Schlittenhunde. Die, die gegen Eisbären kämpfen. Und sich von Robbenfleisch ernähren, wenn es sein muss. So hart arbeiten wir. Den ganzen Tag. Kein Scherz.

Tatsächlich kommt es mir momentan so vor. Zu lang ist es her, dass meiner rundlichen Nasenspitze fremd schmeckender Wind entgegen blies. Zu selten sehe ich das einmalige Schauspiel spektakulärer Naturphänomene. Nichts ist unbekannt. Nichts ist neu. Alles ist neutral. Alles normal.

Und ja, selbst wenn nichts normal sei und in allem etwas Wunderbares steckte, so wäre diese Landschaft doch die Normalste unter den Wunderbaren.

Ich will los. Hinaus in die Welt. Weg von allen Zwängen. Je länger ich sitze, desto mehr arbeite ich. Desto mehr verdiene ich. Auch klar. Doch Zeit gegen Geld bleibt Zeit gegen Geld. Und ich wähle Zeit. Ja, ich wähle Zeit.

Eine Einöde ödet an. Zumindest mich. Zumindest auf Dauer. Womöglich nicht jene, die sich entschließen, in dieser Umgebung sesshaft zu werden. Das ist auch gut so. Irgendjemand muss ja hier wohnen. Und ich kann mir sogar vorstellen, dass er es gern tut.

Voraussetzung dafür ist natürlich, man ist gefestigt. Im Leben, in der Zeit, im Job. In allem eben, was örtlich binden mag. Wer sich der Versuchung hingibt, führt ein wundervolles Leben. Ohne Frage.

Doch ich laufe lieber weg. Weg vor dem Zerrinnen in heimische Gassen. Noch bevor mich mein einseitiges Dasein den Verstand und – noch schlimmer – das Herz kostet. Ist eben nicht meins, diese Sesshaftigkeit.

Noch nicht. Natürlich kenne ich das Gefühl aufflackernder Sehnsucht nach Heimat, Schutz und Verwurzelung. Doch wozu verwurzeln, wenn Wurzeln noch nicht schlagen?

Die Welt erkunden. Das ist mein Manko. Jetzt erleben, was Andere niemals tun werden. Hinfort. Hinaus in die Welt. Atmen. Leben. Schreien. Weinen. Fühlen. Lieben. Stehlen. Geben. Alles mitnehmen. Nichts auslassen.

Eine kluge Frau erzählte mir erst kürzlich von einem Baum im Regenwald, der sich jährlich eine gewisse Entfernung fortbewegt, um stets den Platz an der Sonne genießen zu können.

Dieser Baum möchte ich sein. Wurzeln im Gepäck, um mich niederzulassen und nie zu müde, um das Weite zu suchen. Dann, wenn es beliebt.

Und irgendwann, wenn ich alles gesehen und die Welt mich gekannt. Dann lass‘ ich mich nieder. Mit Schaukelstuhl und Drum und Dran. Mit Klischees und auch mit Sesshaftigkeit. Mit Frau, Kind, Kind und Haustier daheim. Mit allem, was man sich so wünscht. Im Traum eines Lebens, das viel zu früh winkt.

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