Der Cent, der die Welt bedeutet

Warte, ich schließe nur kurz das Auto ab. Dann können wir los.“ Die Rückleuchten blinken zweimal auf. Ein leises Klicken ertönt. Lächelnd drehe ich mich um und laufe meiner Freundin entgegen. Hand in Hand verlassen wir die Parkgarage.

Sonntags sei das Parken in dieser Garage kostenfrei, verrät uns ein etwas schräg an die senkrecht in die Luft stehende Schranke geklebtes Plastikschild. Wir Glückspilze. Und das in Beverly Hills. Direkt am Rodeo Drive. Das soll uns erstmal jemand nachmachen. Es scheint immer wieder, als wäre Los Angeles ein echter Glücksfall für uns. In jedem Moment, den wir hier verbringen dürfen. „Vielleicht bilden wir uns das aber auch nur ein“, scherze ich, während wir die Treppe hinablaufen.

Einige Stufen weiter flaniert ein älteres Paar die Treppe hinab. Schritt für Schritt. Gleiches Tempo. Beide sind chic gekleidet. Sie, mit einem roten Chiffonkleid bedeckt, das knapp über ihren Kniescheiben endet und sich dem Boden entgegen in Falten legt. An ihren Füßen schwarze High-Heels. Er, ein echter Gentleman, hält sanft ihre linke Hand, die in einem seidenen Handschuh verborgen bleibt.

Passend. Stilvoll. Beeindruckend. Wenige Sekunden später verlassen wir das Treppenhaus. Der Schwung der mir entgegenfallenden Glastür treibt ihr Eau-de-Parfum in meine Nase. Edles Tröpfchen. Ich öffne die Tür. Meine Freundin steigt hindurch. Wir sind draußen.

Ganz nebensächlich nehme ich meinem linken Augenwinkel den alten Gentleman wahr. Gebückt und auf den Boden blickend steht er auf dem schmalen Bürgersteig. Seine Nickelbrille ist ihm auf die Nasenspitze gerutscht, seine Begleitung sieht ihn unverständnisvoll an.

„Sir, kann ich Ihnen helfen?“ Ich hocke mich zu ihm, um Blickkontakt herstellen zu können. Seine Augen lugen über den dünnen eisernen Rand seines Brillengestells hinüber. „Wie?“ Er sieht mich an. „Ob ich Ihnen behilflich sein…“ – „Achso! Ja, wären Sie so freundlich? Mir ist ein Centstück aus dem Portmonee gefallen. Und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wo es gelandet ist.“

Geduckt hocken wir über dem asphaltgrauen Bürgersteig und suchen ein fingernagelgroßes Kupferstück. Vergeblich. „Das tut mir Leid, Sir. Aber immerhin ist es nur ein Cent.“ Lächelnd schaut er zu mir auf. Inzwischen hocken wir uns auf Augenhöhe gegenüber. Unsere Fußballen auf den Boden gepresst. „Nur ein Cent, hm?“ Herausfordernd sieht er mich an. „Sagst du das nur so oder meinst du es auch?“ Verdutzt warte ich auf meine eigene Antwort. „Naja, besser ein Cent als zwei Dollar, meine ich.“ Er lacht. „Tja, die würde man auch leichter wiederfinden, oder? Sind immerhin Scheine.“ Er schiebt seine Nickelbrille zurück in ihre Ausgangssituation und richtet sich auf. Ein angestrengtes Stöhnen unterstreicht die Mühe, die er dabei aufbringt.

Wir stehen uns gegenüber. Hin und wieder passiert ein Auto unseren Standort. Ansonsten ist es ruhig. Zumindest für Großstadtverhältnisse.

„Weißt du, dass du so nicht denken solltest?“ Er wischt seinen Blazer glatt und sieht mich einen Moment lang eindringlich an. „Ich sollte was?“ – „Du solltest so nicht denken. Es sei denn, du willst die arme Kirchenmaus bleiben, die du bist.“ „Harte Worte für einen so feinen Kerl“, denke ich insgeheim. Ich muss an die Worte meines Vaters denken. Schon als Kind habe ich den Satz „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist die Mark nicht wert“ mit anhören müssen. Inhaliert und gespeichert – und nun bildlich vor Augen.

„Sie meinen, wegen des Centstücks?“ Er nickt. „Genau. Beverly Hills ist teuer, weißt du. Das kann sich nicht jeder leisten. Und selbst wenn du denkst, dass ihr es euch bei Gott erlauben könnt, euren Tag hier zu verbringen: Am Ende lebt ihr über eure Verhältnisse. Wetten?“

Unterbewusst spüre ich, dass er Recht hat. Vielleicht könnten wir einen Tag, eine Woche oder gar einen Monat lang ohne Probleme hier auf und ab gehen. Doch auf Dauer? Über den Touristenstatus kämen wir aktuell nicht hinaus.

„Da haben Sie womöglich Recht. Aber wir sind ja noch…“ – „Jung?“, platzt es aus ihm heraus. „Kenn‘ ich! Und das ist auch gut so. Aber irgendwann, mein Freund, wird auch die Lady an deiner Seite mehr vom Leben wollen.“ Wohlwollend deutet er auf meine Freundin. „Und dann möchtest du in der Lage sein, es ihr bieten zu können. Oder sehe ich das falsch?“ Wortlos stimme ich ihm zu. „Deshalb solltest du eines wissen: Geld ist bestimmt nicht alles. Bei Weitem nicht. Aber Geld ist auch nicht diese böse, eklige Sache, über die sich alle Menschen totschweigen. Du brauchst Geld, um überleben und – noch viel wichtiger – um leben zu können. Um gute Dinge zu tun. Nicht undbedingt, um die dritte Luxuskarre zu kaufen, wenn du das nicht willst. Aber wenn Du das Geld abschätzig behandelst – und das beginnt beim kleinen Cent auf der Straße – wird es sich nicht gern zu dir gesellen. Verstehst du das?“ In Gedanken versunken kaue ich auf meiner Unterlippe. „Danke. Ich glaube, ich habe etwas gelernt.“ Er lächelt. „Das hoffe ich doch. Und übrigens“, er öffnet seine rechte Hand, „Ich habe ihn gefunden.“ Wortlos greift er meinen linken Arm und drückt mir die Münze in die offnene Handfläche. „Damit du‘s nicht mehr vergisst.“ Ich grinse. „Wer den Penny nicht ehrt“, ergänze ich flüsternd. „So ist es“, sagt der Gentleman, blickt mir ein letztes Mal in die Augen und geht seines Weges.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.