Bestandsaufnahme / Tagebuch

Eigentlich würde ich zu diesem Thema gern einen kunstvolleren Text schreiben. Einen Text mit zahlreichen Irrungen und Wirrungen, verschlungenen Worthülsen, die vor Metaphorik geradezu sprudeln und massenhaft Interpretationsansätze liefern. Doch manchmal gibt es diese Momente, in denen es einfach raus muss, wie es kommt.

Heute ist so einer. Denn heute bin ich unendlich dankbar. Von einem Moment auf den anderen. Und daran „Schuld“ sind womöglich Menschen, die es gar nicht beabsichtigt haben. Sondern nach wie vor vor sich hin trotten…

Aber alles zu seiner Zeit.

Vor genau einem Jahr erlebte ich Down Under. Zum ersten Mal allein unterwegs, zum ersten Mal besessen von der Welt. Der Welt, auf der ich zwar schon lange verweilte, aber eben nicht lebte.

Heute, ein Jahr später, lebe ich. Zwar sitze ich gerade nicht am anderen Ende der Welt, sondern auf meinem heimischen Sofa. Aber: Ich spüre das Leben. Durchdrungen voller Energie.

Ich muss nicht mehr dabei sein. Ich mache mein Ding. In meinem Leben, das nicht besser sein könnte. Mit und dank einer Partnerin, die bezaubernder nicht sein könnte. Und in einem „Beruf“, der erfüllender nicht sein könnte.

Denn mal ganz ehrlich: Ich sitze, stehe oder liege – ganz gleich an welchem Ort auch immer – und schreibe Texte. That’s it. Mal kunstvoll, mal pragmatisch – wie in diesem Moment – mal informativ und mal kritisch.

Aber ich schreibe. Eine Tätigkeit, von der ich mir nie vorstellen konnte, dass sie mir einst meinen Lebensunterhalt ermöglicht.

Wie lange habe ich das Hamsterrad am Laufen gehalten, verstrickte mich in eine Selbstständigkeit, die mich anödete und verdiente mein Geld mit Dienstleistungen, die ich gar nicht leisten wollte.

Und warum all das? Weil ich mich an Dinge gehalten habe, die Schall und Rauch sind. Konkret: Weil ich den Menschen geglaubt habe, dass man etwas Anständiges machen müsse. Probleme lösen, Lösungen schaffen, Geschafftes zur Schau stellen – um letzten Endes den eigenen Status zu erhöhen.

Ich habe Schrauben beworben. Ich habe Maschinen fotografiert. Ich habe Pressteile vertickt. Bin auf Messen herumstolziert und habe Dinge erzählt, die mich nicht ansatzweise begeistern. Und warum das alles?

Um Geld zu verdienen. Ja, ganz einfach. Und weiter: Um Statussymbole zu finanzieren, die mir noch heute in den Rücken zu fallen drohen. Um eine Rolle zu erfüllen, der ich nicht gerecht werden konnte. Und um Menschen zufriedenzustellen, die mich innerlich nicht akzeptierten, sondern verbiegen wollten.

Nun gibt es dennoch eine gute und eine schlechte Seite. Die gute Seite, da bin ich mir recht sicher, habe ich erwischt. Gut, ich gebe zu: Der Ausstieg war hart. Und ich jammerte insgeheim wohl Wochen, gar Monate, hinter alten und vermeintlich guten „Kontakten“ her, die ja ach so hilfreich und vielversprechend sein könnten. Habe lange Zeit weiterhin über Dinge gesprochen, von denen ich nicht begeistert war, mich aber auch nicht lösen konnte.

Macht der Gewohnheit. Angst vor Neuem. Angst vor Verlust.

Doch irgendwann, und dafür bin ich euch allen sehr dankbar, habt ihr euch einfach nicht mehr bei mir gemeldet. Ihr habt mich befreit. Allein hätte ich es wohl nie oder erst viel zu spät geschafft. Gut, das Ein oder Andere mal ging das auch auf Kosten dubioser Geschichten, die ich über mich hörte. Aber am Ende hat es sich gelohnt.

Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an einen Moment, der sich an unserer heutigen zweiten Heimat, dem Düsseldorfer Airport, abspielte. Gerade war ich dabei, alle Stränge zu meiner Vergangenheit zu kappen, als mich ein Telefonat erreichte.

Lauthals hörte ich mir seelenruhig an, wie ich angeblich das Land verlassen und mich mit Geld, das mir nicht zustünde, ins Ausland abgesetzt habe. Es war lustig. Geradezu amüsant, diesem Herrn zuzuhören und seine Wut in meiner Gleichgültigkeit versickern zu lassen. Zugegeben, damals fiel so etwas für mich noch unter Rufschädigung.

Denn hätte man das weitererzählt, was würden dann die Leute denken?

Und heute? Da wäre es mir egal. Zwei Stunde später flogen wir übrigens tatsächlich nach Thailand. Einfach rein ins Paradies. Mitten hinein in eine neue Welt, die mich noch heute begeistert und anzieht.

Warum aber schreibe ich das alles?

Vielleicht, weil ich an einem neuen Punkt angekommen bin. Und nicht mehr sagenhaft schwitze, wenn ich vor vermeintlich „höherrangigen“ Personen und Geschäftsführern, wie mein ehemaliger Geschäftspartner immer sagte, sprechen muss.

Vielleicht, weil ich heute einfach gern mit und nicht vor Menschen spreche. Und nichts mehr muss, sondern alles darf.

Und vielleicht, weil ich dem Leben keinen Rang mehr zuordne und nur noch müde schmunzeln kann über das, was mir soeben im Netz begegnete: Eine Horde unkoordinierter Männer im mittleren Alter, die es vermeintlich „geschafft“ haben. Am Zenit ihres Könnens, ihres Wirkens und ihrer Klasse angekommen – und doch nur im Mittelfeld der nationalen Wirtschaft daheim. Die allesamt vom klirrend kalten Sturm des Silicon Valley hinweggefegt würden, wenn es denn soweit ist. Doch damit befasst sich niemand – und das ist auch gut so.

Sonst würden vermeintliche „Geschäftsmodelle“ das Marketing betreffend nicht mehr ausgespielt werden können und manch einer würde arbeitslos dastehen.

Ein Glück nur, dass ich da raus bin. Nicht mehr mitspielen muss – und einfach sein darf. In meinem Leben, in meiner Partnerschaft, in meiner Welt, die sich von heute auf morgen massiv ausgedehnt hat. Und nicht nur aus Autobahnfahrten zwischen Kunde A und Kunde B besteht, sondern aus vielfältig bunten Eindrücken, Düften, Kulturen und Menschen.

Menschen nicht mehr nur als Kontakte oder Sprungbretter nach oben zu sehen, kein oben und unten mehr zu kennen und nicht nur dem maximalen Profit nachzujagen, stellte meine Welt vollkommen auf den Kopf.

Umso gespannter bin ich, was das nächste Jahr bringt. Aber so viel ist schon jetzt sicher: Es geht nicht mehr voran, bergauf oder schneller, höher, weiter.

Es passiert das Leben. Nicht mehr und nicht weniger. Denn das tut es immer.

Und genau das, meine lieben Ex-Kontakte, Chefs, Auftraggeber, Mentoren und Ex-Kollegen, das würde ich euch auch so sehr wünschen. Von ganzem Herzen.

Ich danke euch, dass ihr mich zurückgelassen habt.

 

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