Chinabarblues

Heute sitze ich allein an der Theke. Nippe an meinem halbkühlen Kölsch, dessen Schaum sich sachte durch den Flaschenhals zurückzieht.

Mit dir war’s irgendwie netter. Ich glaube, das sage ich viel zu selten. Doch ich kann das nicht immer so gut ausdrücken, wie ich gern wollte. Oft spielt mir mein Mund einen Streich, den meine Finger in Ordnung bringen müssen.

Es ist wie gestern, als du sagtest, dir mangle es an kreativem Sinn. Wie man jenen entwickelt, hast du mich gefragt. Und ich habe dir so altklug wie nur möglich geantwortet. Mit dem Wort „Nun“ begonnen. Phrasen von mir gegeben. Und jetzt sitze ich dort, wo wir einst debattierten. Geplagt von Gedankensperren. Geplagt von Ängsten des weißen Blattes wegen. Wie macht man das mit der Kreativität? Ich weiß es auch nicht.

Wie macht man das überhaupt mit dem Leben? Manchmal denke ich, du bekommst das besser hin. Zumindest auf deine Art. Auf eine andere Art. Früher hat man uns stets eingebläut, wir würden uns ergänzen. Ein tolles Team abgeben. Auf einer Wellenlinie sein, ohne es zu merken.

Heute, während die ein oder andere Hopfennote mein Gedächtnis stimuliert und den Durst gegen alle Regeln des gesunden Menschenverstands befriedigt, versteh ich’s. Wir sind vielleicht so unterschiedlich, dass wir uns darin ähneln.

Lediglich die Anerkennung dessen war ein schwerer Schritt, nicht wahr? Ich habe dich oft verletzt. Oft beiseite gestoßen. Oft belogen. Aus Eifersucht. Aus Neid. Aus Liebe. Aus undefinierbaren Emotionen. Die ich fühlen musste, um mich gut zu fühlen.

No Bullshit, Man. Als Kind macht man Dinge, die man besser nicht tut. Die man Anderen besser nicht antut. Und sollte das nochmal vorkommen, denn Kind bin ich noch immer, nimm‘ meine verleugnete und nicht ausgesprochene Entschuldigung einfach an.

Ich genieße die Momente, die wir gemeinsam verbringen. Und das, obwohl uns jede gentechnische Gemeinsamkeit fehlt. Das, obwohl uns nichts zu einen scheint, bis auf unsere Vergangenheit.

Du bist mein Bruder. Und wirst es immer bleiben. Vielleicht sind wir uns nicht immer so grün, wie es sein sollte. Obwohl wir’s aktuell ganz gut auf die Reihe bringen, oder?

Ein Lob an dieser Stelle kann so falsch nicht sein.

„Man, wir sollten schlafen. Es wird hell.“ Tja. Das wurde es. Und wir haben weiterdiskutiert. Debattiert. Gestritten. Geraucht. Getrunken. Genossen. Erinnerungen geschrieben. Momente erschaffen.

Über Politik. Miteinander. Übereinander. Einander. Durcheinander. Füreinander.

Ich hatte übrigens keine Ahnung von Politik. Aber du hast es mich nicht spüren lassen. Meine Argumentation war Bullshit. So sehr, dass sich meine Synapsen noch heute schämen, wenn ich mich daran erinnere.

Aber das passiert. Im Rausch der Emotionen. Und es ist nicht schlimm.

Weil alles besser ist, als sich nicht zu unterhalten und Gefühle zu schüren, die flüstern: Es ist alles gesagt.

Weißt du, das Gute ist, dass niemals alles gesagt sein wird. Dass wir stets gemeine Momente erleben werden. Uns zur Seite stehen, wenn’s nicht mehr geht. Und uns anschieben, wenn wir stehen bleiben.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte etwas zurückgeben. Von allem. Dinge wieder gut machen, die du nicht verdient hast.

„Es ist spät. Wir sollten keinen Cocktail mehr trinken. Wir müssen morgen früh abfliegen.“ – „Ja, aber wir müssen ja nicht selbst fliegen.“

Glorreich. Und du erzählst mir, du seist nicht kreativ? Man, you are! Lass es raus. Ich hoffe, China öffnet deine Sinne für alles, was hinein soll. Und stoppt alles, was nicht hinein gehört. Du wirst dieses Land meistern. Und das Land wird dich vielleicht auch meistern. Ist so ’ne bipolare spirituelle Nummer. Hört man ja immer wieder.

Ich erinnere mich noch gut. Heute, exakt in diesem Moment, in dem du in China landest, durfte ich John kennenlernen. Den Mann, der mein Weltbild um 180 Grad gedreht hat. Denkst du das ist Zufall? Ich weiß es nicht. Ist auch so ’ne Glaubensfrage. Hört man ja immer wieder.

Was ich damit sagen will, weiß ich gar nicht so genau. Ist mehr so ein Gefühl. Hat man ja manchmal. Ich gönne dir einfach die tollsten Momente, absolute Augenöffner und großartige Menschen, die in dein Leben treten. Genieß‘ es.

Es ist schön, dass es dich gibt, mein Freund. Und es klingt für Außenstehende komisch, so etwas zu lesen. Aber ich liebe dich, als Bruder. Auf ehrliche Art und Weise. Wie es sich für Brüder gehört. Die wir leiblich nicht sind, doch seelisch immer waren.

Achja: Ich hoffe, du hast diesen Text in einem schummerigen, vielleicht etwas zwielichtigen Abendlokal bei einem guten Glas Wein genossen. Wäre wieder so ein typisches Zufalls-Ding. Hört man ja immer wieder.

Have Fun in China.

Yours,

Alex

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