Kreisgedanken

Wenn ich morgen vom Bus überfahren werde, hat das alles nichts gebracht. Welch glorreiche Argumentation für ein horrend fugenloses Leben, das wir uns zu eigen machen. Welch entzückende Phrase, die unser achtloses Sein befürwortet. Gar rechtfertigt. Welch augenscheinlicher Selbstschutz vor jenem Wandel, den wir Tag für Tag verneinen.

Aber irgendwann. Irgendwann kommt der Bus. Langsam angefahren um die Ecke biegend. Und dann siehst du ihn kommen. Mit mäßiger Geschwindigkeit rollt er auf dich zu. Du könntest verschwinden. Könntest du. Die Chance lebt. Doch du handelst nicht. Weil du mit deinen Füßen viel zu tief im Morast steckst. Versuchst nicht, dein Leben zu erhalten. Jenes, das andere später als schön betiteln werden, wenn auch viel zu kurz. Und dann wird getrauert. Weil er viel zu früh von uns ging. Weil der Herr ihn zu früh zu sich nahm.

Ja, der Herr. Schon immer für eine Überraschung gut gewesen der Gute. Und sollte es ihn tatsächlich geben – weißbärtig, alt und etwas tattrig – wird er seine Fältchen wohl dem  Menschen Wirken zu verdanken haben. Nicht auszudenken, wie jung er aussähe, würden wir verantwortlich handeln. Zu unserem inneren Kern finden. Und nicht leben wie eine von Dämonen besessene Hyäne.

Wir könnten immerhin ganz wunderbar dastehen mit unserer Erde. Mutter Erde, wie der Volksmund sagt. Man könnte jedoch glatt ins Grübeln kommen. Denn wie eine Mutter behandeln wir jene wohl kaum.

Selbiges gilt auch für unsere Muttersprache. Wenn ich eine der beiden wäre, würde ich meine Kinder glatt zur Adoption freigeben. Oder vor die Feuerwache legen. Wer solche Kinder hat, braucht keine Feinde mehr.

Doch Obacht! Solche Worte seien mit Bedacht gesprochen. Wer im Glashaus sitzt. Und mit der Grube. Das Sprichwort gibt’s auch.

Eine lächerliche Doppelmoral, könnte man denken. Geradezu zynisch, so über seine eigene Art zu sprechen. Wir sind doch eine große Familie.

Gut, vielleicht nicht ganz. Die Schwarzen, die Juden, die Sklaven, die Flüchtlinge und noch ein paar Andere sollte man nicht dazuzählen.

Obszön!

Nicht meine Worte. Eure. Gut, unsere. Unser aller. In den vergangenen Jahrhunderten.

Wobei. Kann man da noch in der ersten Person Plural sprechen? Es handelt sich um Jahrhunderte. Und unsere fortgeschrittene Zeit lässt sich wohl kaum mit den Meutereien des Mittelalters oder gar mit Hitlers Zeitgenossen vergleichen.

Nein, entschuldigen Sie bitte, Herr Lehrer. Das war dumm von mir.

Ich verschmerze diese kurze Entschuldigung. Denn kaum jemand denkt weiter.

Niemand würde auch nur ansatzweise auf den Gedanken kommen, unser Leben wäre von ähnlichem Wert wie ein Sandkorn in der Wüste. Natürlich nicht für den Einzelnen. Doch im Gesamten.

So gesehen wiederum eine Rabenmutter, die Mutter Erde. Interessiert sich nicht für den Einzelnen.

Doch unsere Zeit ist kurz. Sofern es so etwas überhaupt gibt. So etwas wie unsere Zeit. Vielleicht ist ja auch einfach nichts.

Ach, hör‘ doch auf!

Zu schmerzhaft, ein solcher Gedanke. Zu intim, zu wissen, das eigene Leben sei nichts wert. Nicht von Bedeutung. Abgelaufen bevor es beginnt.

Oder ein Remastered. Quasi eine neu aufgelegte Kopie. Wer weiß.

Ah, zu dem Thema gibt’s auch ein klasse Sprichwort: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Hach, wie gern zitiert, wenn die Kirchturmuhr zweifach gongt. Im Prinzip wissen wir alle nichts. So ist das eben.

Wieder so ein schöner Selbstschutz vor vermeintlich offensichtlichen Fehlern. Aber: Wenn wir nichts wissen, gibt es weder richtig noch falsch. Und damit auch keine Fehler. Wir können tun, was wir wollen. Ein Glück. Die Welt steht uns offen.

Naja…

Wäre da nicht unser Gewissen mit diesen unerhörten Zwischenrufen. Still jetzt. Ich weiß, dass ich nichts weiß. So einfach ist das. Das Gewissen sei nur eine jüdische Erfindung, meinte Hitler. Aber auch der wusste ja nichts. Niemand wusste etwas. Bleibt bloß fraglich, wie wir dorthin gelangten, wo wir heute sind.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und noch nicht einmal das weiß ich.

Klingt korrekter, oder? Weg damit. Zu komplex. Neue Gedanken.

Diesen philosophischen Kram braucht ohnehin niemand. Handfeste Tatsachen, das ist es, was wir brauchen. Nicht so ein hochtrabendes Geschwafel. Wo kommen wir denn da hin.

Auf den Punkt. Genau das ist es. Einfach mal nicht mehr denken. Einfach mal leben. Immerhin kann morgen schon der Bus kommen.

Einfach mal Sachen machen und nicht über Konsequenzen für die Welt nachdenken. Einen Krieg anfangen zum Beispiel. Wer will schon sterben und in diesem viel zu kurzen Leben etwas ausgelassen haben. Aber gut, muss nicht gleich ein Krieg sein. Aber einmal sollte irgendetwas total Verrücktes schon drin sein.

Und Vorsicht, jetzt kommt doppelter Humor. Immer dann, wenn jemand etwas total Verrücktes tun möchte, gelingt ihm etwas hochgradig Normales: Er tut etwas, das jeder einmal in seinem Leben tut, wenn er sonst nichts in seinem Leben tut. Da das wiederum jeder tut, tut er nichts Verrücktes, sondern etwas vollkommen Normales.

Etwas Verrücktes wäre demnach per Definition etwas, das niemand sich vorstellen könne, was es wiederum erschweren würde, es umzusetzen.

Und hier nochmal eine Querdenkeridee: Wie verrückt wäre es, einfach mal auf sein Herz zu hören? Puh, Schlag in die Magengrube.

Ja aber…

Ja, ich weiß. Ich höre es schon. Die Gründe, warum das nicht immer geht. Man hat ja auch Verpflichtungen. In denen man anschließend versinkt. Und dann für einen Tag etwas Verrücktes tut, was vollkommen normal ist.

Aber da wir nicht nachdenken – wir wissen nämlich, dass wir nichts wissen – denken wir auch darüber nicht nach und laufen offenen Geistes ins Bodenlose.

Behaupten dann, man wisse ja nie, was kommt. Immerhin wissen wir ja auch nichts.

Und überhaupt

könnte morgen ja schon

der Bus kommen.

Amen.

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