Knopfdruckpanik

Unabhängig. Wir sind so unabhängig. Brauchen nichts und wollen niemand. Freiheitserhaltend nennt man das wohl. Lassen uns nicht eingrenzen. Machen uns nicht abhängig. Leben vollkommen befreit. Wie ein Vogel im Wind. Oder ein Känguru in der australischen Wildnis.

Dabei sind wir weder wie der Vogel noch wie das Känguru. Eigentlich ähneln wir Goldfischen. Goldfischen, die stetig an die Scheibe ihres Aquariums schwimmen und umkehren. Die unablässig Wasser benötigen und auf Fütterungen angewiesen sind. Die nicht allein leben können, sondern von ihrem Halter abhängig sind.

Da war es schon wieder. Dieses böse Wort. Abhängig. Pfui. So wollten wir doch nicht sein.

Und doch stelle ich innerhalb der letzten Tage fest: Wir sind so abhängig wie nie zu vor. Vielleicht nicht süchtig nach diesen oder jenen Dingen. Aber existentiell abhängig – das haut hin.

Was wäre beispielsweise ein digitaler Nomade, wenn sein Mac nicht mehr funktioniert und WordPress seine Dienste an den Nagel hängt? Die Antwort: Von heute auf morgen pleite. Wo stünden wir mit unserem Gereise, wenn wir aufhören müssten, unsere Produkte zu verkaufen? Wieder ganz am Anfang. Was würden wir tun, wenn Facebook seine Services aufgibt? Von vorn beginnen. Was wäre, wenn Google von jetzt auf gleich sämtliche Tools sperrt und nichts mehr der Öffentlichkeit zugänglich wäre? Wir wären verloren.

Jene Pseudo-Unabhängigkeit trat mir in den vergangenen Tagen immer häufiger gegenüber. Tatsächlich fiel meine WordPress-Website aufgrund einiger Fehler vonseiten des Providers aus. Das Resultat? Ich war offline. Und ja, auch mein MacBook streikte an diesem Morgen, was mich zu diesem Text veranlasste. Der Punkt ist Folgender:

Wir fühlen uns dank der Digitalisierung ach so unabhängig. Frei wie nie zuvor. Und in gewissen Maßen stimmt das auch – jedoch nur, bis wir wie der Goldfisch an unsere Grenzen stoßen.

Freiheit auf Raten könnte man all das nennen. Vielleicht ist die Kette einfach nur länger geworden. Wer weiß. Vielleicht kostet das Leben dank der Digitalisierung und der vermeintlichen Ungebundenheit weniger, wenn man es richtig anstellt.

Fakt ist aber: Wenn große Services und Plattformen das Licht ausmachen, wird’s ganz schön dunkel auf der Erde. Weil die Alternativen fehlen. Weil selbst bei mir zweite und dritte Standbeine unablässig an Dienste gekoppelt sind, von denen ich noch nicht einmal weiß und auch nicht wissen kann, ob sie morgen noch existieren.

Wenn Apple all meine Bilder in seiner Cloud sichert – was passiert, wenn Apple pleite geht? Oder gehackt wird? Oder, oder, oder…

So viel ist klar: Meiner Oma würde all das nicht passieren.

Aber ist es deshalb besser, sein Leben quasi analog zu bestreiten? Aus einer Angst heraus  zu leben, es könne ja mal etwas schief gehen?

Ich glaube nicht. Denn auch das würde eine Abhängigkeit bedeuten: Eine Abhängigkeit der Angst, auf der ein solcher Lebensstil heutzutage gründen würde.

Und bevor ich in Angst und Sorge lebe, es könne etwas mit meinen Daten passieren oder der Totalausfall drohen. Da lebe ich lieber mit ein wenig Knopfdruckpanik.

Und schwimme hin und wieder

gegen die Scheibe.

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