Cheers, Mate!

„Dann kannst du daraus wieder eine Geschichte machen.“ Er grinst. Gemeinsam mit meiner Freundin besuche ich einen alten Freund aus Schulzeiten. Schon faszinierend, wie und wo uns das Leben trennt und wieder zusammenführt. Er wohnt in London. Genau genommen innerhalb eines kleinen Vororts. Zwanzig Minuten zur Innenstadt, Klirren und Klemmen der Bahnschienen und miefiger U-Bahn-Duft inklusive.

Gefühlt haben wir uns eine Ewigkeit nicht gesehen. Zuletzt daheim. In einem bescheidenen 20.000-Seelen-Dorf, in dem wir lange Jahre dieselbe Schule besuchten.

Lang, lang ist’s her. Und zwanzigtausend Seelen sind allein im Vergleich zu diesem Stadtteil der englischen Hauptstadt ein Klacks. Unsere Welt ist gewachsen, geradezu explodiert und in die unterschiedlichsten Bahnen verlaufen. Was früher eine Rollerfahrt in den Nachbarort bedeutete, nimmt heute zwei Flugstunden in Anspruch. Doch verändert hat sich nicht viel. Persönlich zumindest.

Sein Englisch klingt derweil brillant. Fast schon einheimisch. Als hätte er nicht nur ein paar Monate, sondern den Großteil seines Lebens hier verbracht. Ich weiß gar nicht, ob das schon damals der Fall war. Heute fällt es mir umso mehr auf.

Hin und wieder erinnert er mich an meinen Bruder. Eigenartig, wie sehr sich die Mimik der beiden ähnelt. Und noch eigenartiger, dass ich mich hier und da von diesen Parallelen beeindrucken lasse. Vielleicht, weil mich gerade dieser andere Typ Mensch als ich es bin, fasziniert.

Seine Wohnung ist klein. Als aufgeräumt geht lediglich sein Zimmer durch. Sagt er selbst.  Das Geschirr lagern wir ebenfalls dort. Sicherheitshalber. Die wichtigsten Badezimmerarmaturen wie Waschbecken oder Toilette zieren kleine gelbe Notizzettel, die den Hygienestandard wahren. Sein Werk. In Küche und Flur finden sich Kurzanleitungen, die übliche Abläufe beschreiben: Wie stelle ich mein Geschirr in den Schrank? Wie hinterlasse ich das Bad? Was macht eine saubere Wohnung aus?
Für das Toilettenpapier sorgt er ebenfalls. Klingt nach einer guten Partie für eine Lady.

Ich bin beeindruckt, dass es ein solches Leben noch gibt: Das eines klassischen, bescheiden lebenden und frohsinnigen Studenten. Diesen Lebensstil, von dem mein Vater noch heute gern schwärmt. Von dem es, seiner Meinung nach, mehr geben solle. Weil sonst soziale Kontakte verloren gingen.

Voilà: Hier würde er sich wohlfühlen. Wahrscheinlich wie zurückversetzt in vergangene Tage. Selbst ich fühle mich wohl. Auf eine andere Art und Weise als sonst. Ein wenig außerirdisch und außerhalb meiner Filterblase, aber wohl.

Und vielleicht wird es auch gerade dieser ständige Wechsel zwischen verschiedensten Lebensformen sein, der die diesjährige Reise für mich ausmacht. Sollte es der Fall sein, ist London ein toller Einstieg.

Danke, mein Freund, für deine Gastfreundschaft.

Oder kurz und knackig: Cheers, Mate!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.