Kleine Dinge und ein 15-Jähriger

Ich muss etwa 15 Jahre jung gewesen sein, als sich die Situation zutrug. Gemeinsam mit zahlreichen Anwälten, Marketing-Experten und namhaften Geschäftsführern saß ich in einer offenen Runde. Thema: Budgetaufteilung für künftige Investitionen. Es versteht sich, dass das Thema nur fiktiv und zu Darstellungszwecken abgehandelt wurde. Jeder Teilnehmer erhielt seine Rolle. Der Eine setzte sich für dieses ein, der Andere für jenes. Wie es das Schicksal so wollte, wurde mir die Rolle desjenigen zuteil, der sich um Umwelt und die sogenannten „kleinen Dinge“ kümmern durfte. Sich starkmachen sollte. Mit zarten 15 Jahren.

Selbstredend steckte ich in diesem Alter in der Hochphase meiner Pubertät und hatte weitaus andere Sorgen als abstruse fiktive Investitionen durchzudiskutieren, um mein vermeintliches Verhandlungsgeschick zu stärken. Allerdings ließ ich das nicht durchblicken. Ich war cool. Geradezu emotionslos, wenn es um meine Außendarstellung ging.

Fünfzehn Minuten waren jedem Teilnehmer zur Vorbereitung vergönnt. Um seine Argumente zu strukturieren, und seine Taktik vorzubereiten. Um den jeweils Anderen aus dem Rennen zu werfen.

Und ich, ich war in der Zeit mit nichts Anderem beschäftigt, als meiner Nervosität Einhalt zu gebieten. Während sich jeder sorgsam seine Notizen zurechtlegte, Plädoyers probte und auf dem Flur auf und ab tigerte, schloss ich mich auf der Herrentoilette ein. Natürlich erzählte ich das niemandem. Offiziell war ich spazieren, um mich vorzubereiten. Und in Wahrheit rutschte ich auf dem Klodeckel langsam von links nach rechts.

Es half alles nichts. Nach fünfzehn Minuten intensiver Nervositätsbekämpfung fand ich mich wie festgekettet auf dem mir zugeschriebenen Bürostuhl wieder. Zwischen hoch gewachsenen Amtsträgern. Und trug notgedrungen Argumente vor. Nicht, dass ich mir Gedanken gemacht hätte. Ich zittere noch heute, wenn ich an diese Momente denke. So nervös war ich. So unsicher in mir selbst. So unwohl fühlte ich mich in meiner Haut.

Und dann war ich dran. Meine Zeit war gekommen. Ich zahnte mich ins laufende Gespräch ein und faselte etwas von den kleinen Dingen des Lebens, die man beachten müsse. Berichtete, dass jene Dinge doch genau das seien, was das Leben erst ausmachen. Und ich war stolz. Wirklich, ich fand mich gut.

Für etwa drei Sekunden. „Kleine Dinge brauchen nur kleines Geld. Mein Standpunkt hingegen…“ Ich war wie gelähmt. Meine Blase geplatzt. Im freien Fall. Ich fühlte mich angegriffen und doch lachte ich mit der Gruppe. Über mein eigenes Argument und über mich. Notgedrungen. Um dazuzugehören. Obwohl ich nicht einmal wusste, wozu überhaupt.

Heute denke ich anders darüber. Muss fast schmunzeln, wenn ich an diese Runde umkoordinierter Schwanzvergleiche denke. Und mittendrin ein Fünfzehnjähriger, der aus Versehen dort hinein schlingert. Jenseits von gut und böse einfach einen Standpunkt vorträgt, dem ich heute näher bin als je zuvor. Dem ich damals vielleicht nicht einmal gewachsen war.

Der eigentlich tragische Punkt an dieser Geschichte ist jedoch nicht mein fast grenzenloses Selbstmitleid mit meinem 15-jährigen Ich.

Die eigentliche Tragik liegt in der Tatsache, dass wir alle wissen, dass meine Rolle die einzig wahren Standpunkte vortrug – und doch vollends niedergemacht wurde. Aufgrund des jeweils größeren Egos, das zu meiner Linken und Rechten saß.

Niemandem ging es um die Argumentation, die Inhalte. Jeder war schlicht der bessere Verhandlungspartner als der Nächste. Jetzt könnte man meinen, das sei ja auch normal für das Erproben des eigenen Verhandlungsgeschicks. Ja, dem würde ich gar mit einem Nicken begegnen.

Interessant wurde es jedoch, als sich jeder für sich ganz schleichend mit seiner Argumentation einverstanden erklärte und vollends darin aufging. Es ging nicht mehr um Verhandlung. Es ging um das eigene Ego. Wer gewinnt? Wer ist besser? Wer ist der Größte? Selbstdarstellung par excellence. Inhalte wurden nebensächlich. Wichtig ist, wer gewinnt. Nicht was oder womit er es tut.

Und die großen Fragen blieben unbeantwortet.

Ähnliches beobachte ich auch heute, mehr als sieben Jahre später. Wenn es doch offensichtlich die kleinen Dinge sind, die uns zufriedenstellen – wieso jagen wir den ganz großen Dingen nach? Verstecken unsere Gier hinter Worten wie „Ich werde dies oder jenes damit besser machen“? Präsentieren uns als Problemlöser, während wir doch nur dem großen Geld nachjagen?

Warum öffnen wir uns nicht, legen Egos beiseite und kümmern uns um unsere kleinen Dinge. Denn würden wir das tun, so jeder für sich, und niemanden im Außen attackieren, um sich selbst besser darzustellen… Dann wäre wirklich jedem geholfen. Im Großen wie im Kleinen.

Und jeder 15-Jährige würde die Welt verstehen, in der die Großen leben.

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