Landschaftsgenuss, Zuckerbrot und Peitsche

Gerade hielt ich einen Mittagsschlaf. Einfach so. Schloss die Augen, nachdem ich zehn bis zwölf Seiten zu lesen vermochte. Momentan gönne ich mir jenes intellektuelle Vergnügen viel zu selten. Arbeite häufig. Aber auch gern.

Ein anstrengender Tagesbeginn liegt hinter mir: Fünf Uhr aufstehen, Duschen, Auschecken, halb Hanoi durchqueren, um anschließend fünf Stunden lang in viel zu engen Sitzschalen Bus zu fahren. Quer durch die Serpentinen des nördlichen Indochina.

Hanoi am frühen Morgen verleitet übrigens zum Staunen. Jedem findigen Besucher der vietnamesischen Hauptstadt ist nur zu empfehlen, sich bei Sonnenaufgang aus dem Bette zu quälen und durch die Straßen der Altstadt zu schlendern. Um den Unterschied kennenlernen zu dürfen. Zwischen dem touristischen Hanoi samt aufdringlichen Straßenverkäufern und dem echten Hanoi. In dem dieselben Straßenverkäufer befreit Rad fahren, auf Kreiseln Sport treiben, sich im Schwertkampf üben und über heimische Märkte schlendern. Gerade so im Wissen darüber, als würde sich ihr Hanoi in wenigen Stunden in ein Haifischbecken aus Selfiesticks und tiefstpreisjagenden Raubkatzen verwandeln.

Doch zurück zum heutigen Tage. Meinem Körper machte das holprige Gefahre offenbar zu schaffen. Die verschiedenen Eindrücke, neuen Menschen und unsäglichen Lebensmittel, die man uns verkaufen wollte, bedeuteten keinen allzu glanzvollen Start ins eigentliche Wochenende. Zwar existiert letzteres für uns schon seit längerem nicht mehr, da die Wochen weder beginnen noch enden, doch offiziell betitelt man jenen Zeitabschnitt selbst hier, irgendwo im Nirgendwo, genau so wie im Rest der Welt.

Aber: So paradiesisch diese Landstriche hier auch sein mögen – harte Arbeit bleibt harte Arbeit. Nur, um das einmal festzuhalten, bevor es meinen Sinnen wieder entfleucht. Was in Metropolen wie Dubai oder Abu Dhabi hinter rund zehn Meter hohen „Hier bauen wir noch ein Traumgebäude“-Plakatwänden in aller Unauffälligkeit entsteht, zieht hier unbeschämt und splitterfasernackt die Blicke auf sich.

Und dann gibt es noch uns, die Touristen. Zu denen wir nie zählen wollten und doch irgendwie gehören. Wir leben mittendrin. Sind wie Zuckerbrot und Peitsche. Denken gar nicht darüber nach. Fluch und Segen zugleich, sowie irgendwie alles im Leben. Bringen körperliche Schwerstarbeit über Einheimische, bloß um ferne Landschaften in höchstem Maße für wenig Geld zu genießen. Und sorgen wiederum durch unsere Anwesenheit für ausreichend Brot und Wasser in unzähligen Familien. Verrückt.

Dennoch fühlen wir uns wohl. Mehr also nur wohl sogar.

Orte, an denen ich innerhalb von wenigen Minuten einem seligen Tiefschlaf verfalle, sagen mir in der Regel zu. So verhält es sich auch mit Sa Pa. Oder genauer noch: Mit unserem schnuckligen Appartement in diesem verzweigten Bergdorf. Möglicherweise tragen die hier Einheimischen sogar ein wenig Mitschuld daran: Immerhin wirkt es wie eine erfrischende Dusche, einem von Grund auf ehrlichen Taxifahrer inmitten einer Touristenattraktion begegnen zu dürfen. Einer, der sich auf schnellstem und effektivstem Wege zum Ziel begibt. So einem Menschen gebe ich gern viel Trinkgeld. Weil er es sich verdient hat.

Nicht etwa durch seine Arbeit, nein. Diese entsprach der eines guten Durchschnitts. Viel mehr aufgrund seines offenen und höflichen Gemüts, das er uns offenbarte.

Und nun, nach anderthalb Stunden Mittagsschlaf, einem sonnenuntergangsfüllenden Textererlebnis und einem vorangehenden Lunch im Sa Pa-Stil, werden wir es uns wohl bequem machen.

Vor unserem Kamin. Denn abends wird’s hier frisch, so mitten in den Bergen.

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