Nur zu Besuch

Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt. Meine Füße stehen fest auf den kalten Fliesen, meine Handflächen umfassen das weiße Holzgeländer, das mich vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt. Mein Blick streift den blau verlaufenden Horizont. Gelegentlich durchkreuzt von ein paar Glühwürmchen, die sich Ihren Weg durch die anbrechende Nacht bahnen.

Ich stand häufig an dieser Stelle. Oft erinnere ich mich an vergangene Kinder- und Jugendtage, die ich hier verbrachte. Stundenlang am Geländer hockend, mit wackligen Knien und unwohlen Gedanken.

Meine Eltern stritten sehr häufig, nachdem ich ins Bett gebracht wurde. Anders als geplant, stand ich ein ums andere Mal wieder auf, schlüpfte in meine Pantoffeln und lehnte mich rücklings sitzend gegen das knirschende Balkongeländer. An kalten Wintertagen gelang mir jene kümmerliche Haltung ebenfalls im Treppenhaus, das sich ebenso prima zum Lauschen eignete. Ich musste wissen, was geschah. Aus Neugier, und manchmal aus Angst.

Worüber sie wohl sprachen. Ob ich Thema bin? Der Anlass des Gesprächs? Ich sorgte mich häufig. Um beide, meine Mutter und meinen Vater. Um die Beziehung zwischen den Beiden und meine Rolle in jener.

Heute weiß ich, worum es geht. Heute hocke ich nicht mehr, trage keine Pantoffeln, sondern halte meine Freundin im Arm. Man könnte sagen, ich sei groß geworden. Losgelöst von dritten Problemen und Streitereien. Denn am Ende ging es immer nur um den Einen, der als Auslöser seine Rolle fand oder gar als Protagonist auftrat.

Irgendwann begann ich, ihn zu hassen. Ihn zu verachten. Um ihn wenige Tage später wieder zu lieben, zu liebkosen und tief in mein Leben zu verankern. Änderte meine Überzeugungen ihn betreffend nur allzu häufig und gefiel jedem, der nach ihm fragte.

Ich lernte ihn in allen Formen und Zuständen kennen. Mochte seinen Duft, starb für seine Wirkung. Trotz meiner Vergangenheit. In der er mich stets heimsuchte, ans Treppengeländer fesselte und zum Kauern verurteilte.

König Alkohol ist ein mieser Gesell, so viel steht fest. Ein guter Freund, der dir den Dolch in den Rücken rammt und nur langsam wieder herauszieht.

Selbst, als ich ihn nicht trank, da mir das Gesetz den Kontakt zu ihm verbot, führte er mich dennoch sanft in seine Welt ein. Wie ein guter Kumpane, ein Untermieter, ja, wie ein Freund der Familie schlich er sich wieder und wieder in mein Bewusstsein. Im Grunde sei er ein Guter; das lernte ich als Kind.

Erst zweiundzwanzig Jahre mussten vergehen, bis ich den Teufel als solchen entlarvte, seine Krone endgültig zu Boden warf und jeden noch so gewieften Umhang als Tarnung erkannte. Zumindest hier, am Treppengeländer wie am Balkon, sollten er und seine lauthals grölende Stimme voll Hass, Wut und Traurigkeit mein Leben nicht mehr kontrollieren.

Ich stehe noch immer am Geländer, genieße den Mondschein, der meine Kopfhaut streichelt und schalte das Gesäusel König Alkohols stumm. Höre und sehe nichts dergleichen. Begreife, dass es mich nichts mehr angeht. Ich bin fähig, diesen Schritt zu gehen.

Meine Arbeit ist getan. Die Therapie abgeschlossen. Ein neues Kapitel beginnt.

Und sollte ich ihm anderswo begegnen, so gnade mir Gott, dass ich nicht auf ihn hereinfalle. Ihn akzeptiere bei jenen, die seine Nähe suchen, und ihn aus meinem Leben verdrängen kann, sobald er mich zu krönen versucht.

Denn lieber lebe ich ohne Titel, Kronen, Gewänder und Masken, als mit einem Dolch im Rücken, der mich durchdringt – bis nichts mehr von mir übrig bleibt.

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