Ein Zimmer in Espoo – Momentaufnahme

„Was haben wir uns nur dabei gedacht, uns einen Bus zu kaufen? Wir, ausgerechnet wir?“ Jasmin steht am Rande des Zimmers; die Arme ihren Kulturbeutel umschlingend, das Handtuch über die Schulter geschwungen. Sie ist gerade dabei, den Raum zu verlassen. In wenigen Minuten stünde sie inmitten des Gemeinschaftsbads dieser Etage – zwischen halbherzig gewischten Ablageflächen und dubios klamm erscheinenden Handtüchern, dessen Besitzer nicht mehr auffindbar sind.

Eine Nacht kostet uns 62 Euro – für ein Zimmer mit zwei getrennt stehenden Betten, ein zweifelhaftes Gemeinschaftsbad und eine nicht gerade appetitanregende Küchenzeile, die ebenso von Jan und Jedermann genutzt werden kann.

Gott aus Frankreich hätte diese Reise sicher anders begonnen. Doch irgendwie sind wir erwachsener geworden. Dass eine Reise nach Nordeuropa teuer wird, war uns von vornherein klar. Und dass wir keine mittlere dreistellige Summer in ein Hotelzimmer nach deutschem Standard außerhalb Helsinkis investieren, ebenso.

Achja, von wegen erwachsen werden: Vor etwa einem Jahr – wir bereisten gerade Island samt seiner Westfjorde – hätte mich ein solcher Zustand wohl etwas aus der Bahn geworfen, mir meine Fassung genommen. Heute sieht das wohl etwas anders aus. Oder besser: Es fühlt sich reifer an, so ganz tief drin.

Lediglich ein leises Schmunzeln huscht über meine Lippen, wenn mich zurückerinnere und feststelle, dass wir für das Hilton-Hotel in Hanoi nahezu denselben Preis zahlten – inklusive 5-Sterne-Frühstück versteht sich.

Im Gegenzug hatte Vietnams Hauptstadt jedoch eine nicht ganz so erquickende Luftreinheit zu bieten, sodass es sich irgendwo wieder ausgleicht.

Und immerhin kamen wir nicht nach Finnland, um von Luxushotel zu Luxushotel zu sausen. Die Romantik rauer Natur trieb uns einmal mehr in den hohen Norden – und mit ihr die Hoffnung auf unvergessliche Wochen sowie einige Tagen vollkommener Technikabstinenz.

In wenigen Wochen zurück in Helsinki würde das Ganze ohnehin schon wieder reichlich anders aussehen: Mein Geburtstag klopft an der Tür, wir verweisen darauf, dass auch ein Freitag, der Dreizehnte ein besonderer Glückstag sein kann und genießen den Abend im engsten Familienkreis.

Und für all jene, die diesen Text genauso ruhig dahinplätschernd wahrnehmen, wie ich: Ja, es macht mich ein klein wenig stolz. Dass ich meine Emotionen besser im Griff habe als etwa ein Jahr zuvor und Situationen gelassener hinnehme. Inzwischen gelingt es mir, Situationen besser zu umschreiben, statt sie gleich zu werten oder in Rage der Extreme zu geraten. An sich ein wirklich schönes Gefühl, so ein kleines Stück Realismus in sich zu wissen.

Es schlägt neun Uhr. Jasmin betritt unser Zimmer, ihre Haarspitzen sind noch leicht feucht. Auf meine Frage, wie es ihr in der Zwischenzeit ergangen ist, entgegnet sie: „Okay. Und bei dir?“

Wir sind eben doch ein kleines Stück erwachsener geworden.

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