Bier nach Acht

Es ist Abend, 20:25 Uhr. Ich sitze in unserer gemeinsamen Wohnung. Neben mir ein zu zwei Dritteln geleertes Rothaus Pils. In meinen Gehörgängen verweilt seit Längerem Billy Joel.

Es ist ein anderer Abend als gewöhnlich. Ich bin erleichtert, konnte sogar das MacBook für eine Weile zuklappen. Lang habe ich einen Feierabend nicht mehr so genossen. Lang hatte ich überhaupt keinen Feierabend im klassischen Sinn.

Ich blicke zu viel auf Screens, so viel ist mir klar. Meine Augen schmerzen von den Kontaktlinsen. Es bleibt also bei der Brille. Zu viel Trubel in der vergangenen Woche. Zu viel auf und ab – in mir, nicht um mich herum.

Ich sehne mich nach einer verlassenen Bar. In Stockholm, Kokkola, Barcelona oder in den Gassen Paris‘. Dort, wo ich die Sprache nur bruchstückartig oder gar nicht verstehe. Und wo ich irritiert angesehen werde, wenn ich auf Englisch bestelle und beschämt lächle. Ein bisschen Abstand täte gut.

Doch jenen gönne ich mir nicht. Noch nicht. Es gibt zu viel zu tun. Zugegeben: Spannendes zu tun – doch die weite Welt fehlt mir sehr. Zumindest in Momenten wie diesen.

Momente, in denen meine Verlobte, erschöpft von der Woche, in den Federn liegt und ich bei ein, zwei, drei – ja vielleicht auch vier Gläsern Bier über das Leben philosophiere. Im direkten Austausch mit Billy Joel, der sich offenkundig lieber mit einem Herrn am Piano befassen würde.

Doch seine Zeilen treffen. Jede Faser meines Körpers. Wirken entspannend, befreiend, berührend und aufweckend.

Sich „die Kante geben“, diesen Ausdruck habe ich nie gemocht. Doch nun steht mir der Sinn nach „sich gepflegt zulaufen lassen“. „To forget about Life for a while“, ergänzt mich Joel. Und trifft es auf den Punkt.

Schon lustig, wie die Dinge sich ergeben. Erst vor Kurzem gondelten wir gemeinsam durch die Welt – zweieinhalb Jahre lang, ununterbrochen. Und nun sind wir sesshaft. Seit einer Woche verlobt. Und es fühlt sich wunderbar an. So reif. So erwachsen. So erfüllt.

Und doch wie ein Zwischenschritt. Ich will raus in die Welt – nicht für immer hier bleiben, so schön es sein mag. Ich will heiraten – nicht für immer verlobt sein. Ich will Dinge erschaffen – nicht immer nur philosophieren.

Und darum ist im Grunde alles gut, wie es ist. Weil der Weg der Rechte ist. Das Gefühl nickend zustimmt. Und die Musik harmonisch durch meine Ohren dröhnt.

Als säßen wir wieder dort oben. In Kokkola. In unser’m Pub im Norden Finnlands. Mit dem Asiaten hinter der Bar, den dutzend Fässern unter der Theke und dem Kopf nachdenklich an die Scheibe gelehnt.

Und ich bin sicher,

dass das nächste Mal

gar nicht so lang hin ist.

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