Dezember 30

Dorfburschen, Kaiserschmarrn und Bretterzaungedanken

„Heid Omd keman de Burschn aus am Oat.“ Resigniert begründet unser Gastgeber, dass er ausgerechnet heute Abend keinen Kaiserschmarrn servieren kann. Zu ausgelastet sei er mit der 30-Mann-starken Dorfjugend, die sich für den heutigen Abend angemeldet habe. Hinzu käme eine weitere große Gruppe. Und das Tagesgeschäft.

Der Apfelstrudel ist noch warm, als er serviert wird. Liebäugelnd wie zaghaft kreist Jasmins Gabel über meinem kleinen Dessert-Teller. Über den Rand meiner schmalen Brille blicke ich zu ihr auf. Sie schmunzelt. „Ich möchte dir nichts wegessen“, versichert sie mir, bevor sie Sekunden später zur Landung auf meinem Strudel ansetzt. Es lohnt sich. Begeistert vom Geschmack, hingerissen von der zart-weichen Konsistenz und seelisch ummantelt von der anhaltend wohligen Wärme des Gebäcks, ist nach wenigen Sekunden nichts mehr übrig. Gott sei Dank, war der Schmarrn aus.

Ein wenig später am Abend ist sie verschwunden. Vorgegangen, sich bettfertig machen. Gleich würde ich ihr folgen, mich neben sie legen, ihr einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange drücken und seelenruhig einschlafen. Doch bis dahin ist noch Zeit. Anstelle eines Absacker-Bieres sitze ich draußen auf einem dünnen Bretter-Zaun, der die hoch gelegene Aussichtsplattform des Gasthofs vom steilen Abgrund trennt.

Hier saß ich schon einmal. Genau an dieser Stelle. Bei Tag. Und doch sah ich zu jener Zeit weniger klar, als in dieser dunklen vernebelten Nacht. Es ringt mir immer wieder ein kleines Schmunzeln ab, wenn ich über die vergangenen Jahre nachdenke. Welch Irrungen und Wirrungen mich trieben. Wenn ich in diesen innerlich teils sentimental anmutenden Momenten versuche, Geschehenes zu rekapitulieren, gelingt es in der Regel kaum. Zu sehr bin ich getrieben von Zukunftsvisionen, Ideen und der puren Neugierde auf das, was kommen mag. Auf das, was ich exakt heute in einem Jahr über jenes Jahr denke, das dann bereits vergangen ist.

Ich weiß nicht viel über das, was ich in diesem Jahr richtig oder falsch gemacht oder hätte anders machen können. Dazu braucht es sicher noch ein wenig Abstand. Doch wird mir in diesen Momenten der inneren Ruhe und Bedacht immer wieder eines klar: Ich kann meine Zeit besser nutzen. Ich kann diese simple Ressource, die oftmals so unendlich scheint, viel besser für mich einsetzen.

Nun gut, vielleicht ist die Zeit eine menschliche Erfindung, die uns theoretisch kaum betrifft oder bloß mental unter Druck setzt. Und früher hätte ich mich diesem Gedankenspiel hingegeben, rebelliert und jegliche zeitlich anmutenden Verbindlichkeiten gewehrt.

Heute hingegen nehme ich diese Gedanken anders wahr. Selbst wenn jenes Ding namens „Zeit“ ein pures Hirngespinst wäre, so leben wir dennoch alle mit und in ihr. Und wer bin ich schon, diesem Hirngespinst ein Ende zu setzen? Dafür habe ich schlichtweg zu wenig Zeit.

Vor einigen Jahren hielt ich es für maßlose globale Verantwortungslosigkeit, als meine Eltern mir wieder und wieder dazu rieten, sich auf den eigenen kleinen Einflussbereich zu konzentrieren. Auf das, was in meiner Hand läge und nicht immer gleich auf’s „große Ganze“ zu pochen und die gesamte Welt verändern zu wollen. Glück entstehe dann, wenn man mit sich, seinen Lieben und dem, was man tut im Reinen sei. Etwas, das ich damals nicht verstand.

Damals wollte ich „mehr“. Mehr tun, anders sein, anders denken, mich abheben. Dass ich mich so mehr und mehr nicht nur von „Anderen“ abhob, sondern auch von meiner Familie, meinen Freunden entging mir schlichtweg.

Erst, als das „große Projekt“ des anderen Lebens scheiterte, als Jasmin und ich soweit waren, unseren frisch eingerichteten Wohn-Bus nach kürzester Zeit verkaufen zu wollen, bemerkte ich eine Veränderung.

Ich glaube, seither begann ich mich anzunähern. Dem Leben, das ich eigentlich fernab aller Ideale führen wollte. Den Menschen, denen ich mich entzogen habe. Und letzten Endes auch mir selbst.

Ich begann, mir neue Dinge zu erlauben und entwickelte einen neuen, möglicherweisere klassischeren Lebensentwurf. Einen für mich persönlich Nachhaltigeren.

Und da sitze ich nun. Auf meinem Bretter-Zaun, der mich schon vor drei Jahren stützte. Bei all den idealistisch geprägten Gedanken, die ohne meine persönliche Note des Glücks ihren Weg in die Welt fanden.

Und so schmunzle ich. Da ich im Rückblick nicht einzelne Ereignisse wahrnehme und bewerte. Sondern mich freue, eine Entwicklung nehmen zu dürfen.

Eine Entwicklung, die gerade erst beginnt.

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Über den Autor

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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