Februar 6

Fast erwachsen

„Passiert mir nicht.“ Als Kind, Jugendlicher und, ja, gar als erwachsen geglaubter Teenager glaubte ich schlichtweg oft, dass mir bestimmte negativ, ungesund oder schlecht erscheinende Dinge nie passierten.

Ich habe einen guten Schutzengel, hat meine Oma stets behauptet. Und wer weiß; möglicherweise ist was dran. Leider Gottes kenne ich den guten Kerl nicht gut genug, um nach wie vor blind darauf zu vertrauen. Und je älter ich werde, je mehr ich nachdenke, desto größer das Verlangen, auf mich selbst statt auf Schicksal, Schutzengel und Co. zu vertrauen.

Dinge passieren. Auch mir. Und allen Andern. Soviel habe ich inzwischen gelernt. Dieser jugendliche Wahn, einen unsichtbaren Schutzwall um sich herum zu wissen, nimmt langsam ab. Und: Auch Dinge, die unlängst vergangen sein sollten, passierten. Bloß bemerkte ich es nie.

Je länger man über solch Zusammenhänge nachdenkt, desto klarer wird: Es bleibt nicht viel, das nicht in der eigenen Hand liegt – oder dort nicht zumindest einmal gelegen hat.

Verantwortung bleibt einem nicht einfach fern, weil man sie ignoriert. Sie folgt auf Schritt und Tritt. Und irgendwann muss sich jeder einmal umdrehen. Und das ist entscheidend.

Denn dann wirst du erwachsen. Eher aus Versehen. Je nach dem, wie lang die Drehung dauert. Beginnst, abzuwägen. Siehst Risiken statt Abenteuer, erkundigst dich nach sicheren statt flotten Autos und sprichst ohne es zu bemerken zum ersten Mal von einem Haus mit Hund und Kindern. Und obwohl du’s nicht zu glauben gewagt hast, fühlt sich genau dieses vor Jahren undenkbare Szenario ebenso spannend und erlebenswert an, wie jedes bereits gelebte Abenteuer der letzten Jahre.

Wie ein Boarding in einen kleinen Bombardier, in dem du direkt am Propeller sitzt. Wie ein ruhiges Abendbier in deinem Lieblingshotel an der Bar. Wie ein entspannter Abend mit einem guten Buch, für das du dich extra früh ins Bett begibst.

Du beginnst, mit dem Reisen an dir bekannte Orte zu sympathisieren. Weil du weißt, deine Zeit dort ausnahmslos genießen zu können. Und du verstehst nach und nach Standpunkte, die du früher verurteilt hast.

Du lernst, Anderen zuzuhören und ihnen Gehör zu schenken – auch, wenn du nicht immer von ihren Worten überzeugt bist.

Und manchmal bist du vielleicht traurig, weil während all dem ebenso klar wird, dass deine Jugend langsam aber sicher zu Ende geht. Wenn sie es nicht längst schon ist. Und das Gefühl erst jetzt einsetzt.

Manche Dinge fühlen sich bei detaillierterem Nachdenken endlicher an als zuvor.

Doch das ist gut so. Denn bei all den Jugendlichen Attitüden, die du vielleicht verlierst. Eines gewinnst du dazu: Einen Sinn für das, was wirklich wichtig ist.

Du verlierst deinen alten vor Erlebnissen notgeflickten Kokon und tauscht ihn gegen Flügel des Erwachsenseins. Und nur so kommst du dorthin, wo du hingehörst. Wenn du weißt, damit umzugehen.

Vielleicht beginnt gerade etwas, das man Erwachsensein nennt und mit Verantwortung zu tun hat. Und selbst, wenn’s Quatsch ist: In der letzten Zeit hat mein Lebensgefühl in jeder Sicht zugenommen: Privat wie beruflich.

Und dafür bin ich nicht zuletzt den tollen Menschen dankbar, die mich tagtäglich oder nur ganz spontan umgeben, mich unterstützen und kritisieren. Ohne diese Antriebe von außen, diese schönen Momente und Erinnerungen, all diese anderen Lebensperspektiven, wäre mein Leben doch recht leer.

Schön, dass es euch gibt – und wir einander auf diesem spannenden Weg begleiten.

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Über den Autor

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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