April 5

San Francisco im Sommer (#1)

„Laugh. Giggle. Be silly.“ Über unserem Bett prangert ein mit weisen Worten bedrucktes Stück Holz. Verziert mit goldener Schrift, leicht schräg hängend. Die Botschaft ist eindeutig.

Begleitet von einem leisen Knartschen des alten Holzbodens stelle ich unsere Koffer ab. Rums. Da sind wir. Angekommen. Über die hüfthoch aus dem Gepäck herausstehenden Griffe gebeugt stütze ich mich gegen die Wand. Ich stehe mitten in einem für San Francisco typischen Reihenhaus. Die Straße steil, das Haus klein. Kleiner als gedacht. Aber gemütlich. Und bunt: Gelbe, türkise, grüne und, wenn auch seltener, weiß gestrichene Wände hauchen den schmalen Innenräumen Leben ein. Dazwischen: zwei tobende Katzen auf insgesamt sieben Beinen. Zwei Etagen, eine enge Treppe und ein großer Wohn-Ess-Bereich. Dazu ein Gästezimmer und zwei Privaträume. Nicht zu vergessen: eine urtypisch-kalifornische Garage, die neben der Eingangstür im Untergeschoss liegend keinerlei Autos beherbergt, sondern wie ein künstlerisch angehauchtes Mode-Atelier wirkt.

Das Haus verrät viel über die Eigentümerin, die eigentliche Bewohnerin. Sie empfängt uns nicht persönlich. Ein Notizzettel, DIN A4-groß, gelb und liniert, erklärt und entschuldigt sie. Um die Katzen möchten wir uns bitte kümmern. Nicht zu schüchtern mit ihnen umgehen. Nube benötige ihren Auslauf, frische Luft und dürfe das Haus nach Lust und Laune verlassen. Abends kratze sie schon an der Haustür, wenn ihr danach sei. Millie verlasse das Haus nie. Dennoch sollten wir ein Auge auf sie haben.

Ich lege den Notizzettel nieder und blicke in die offene Küche, die nur eine halbhohe, eigens eingezogene Wand vom Rest des Wohnbereiches trennt. Sie strahlt Lebensfreude aus. Entspannung und Freundlichkeit. Und Gesundheit, sofern man die in verschiedensten Gläsern aufbewahrten Chia-Samen, Bulgur- und Amaranth-Körner einbezieht.

Im Wohnzimmerfenster auf der anderen Seite des Raumes, vorbei am mit Stickern beklebten iMac, einem Sofa und zwei Katzennestern, schimmern die Spuren des letzten Frühjahrsputzes im Sonnenschein. Dahinter: Die landesweit überirdisch angebrachten Telefonleitungen, die die Steigung der Straße unmissverständlich widerspiegeln und sich schnurstracks gen untere Fensterecke hangeln.

Eine der beiden Glasscheiben ist beiseite geschoben. Ich gehe wenige Schritte, halte meinen Kopf aus der rechten Fensterhälfte und blicke die Straße hinab, die drei Querstraßen weiter, an einer großen grünen Wiese, endet. Dahinter: Nichts als Hügel, Natur und – in nicht allzu weiter Ferne – jene Hochhäuser, die San Franciscos Bankenviertel markieren.

Ein warmer Atem umhüllt von weichem Fell schnurrt sanft um meinen rechten Unterschenkel. Es wirkt wie ein liebliches „Herzlich Willkommen“. Genau am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.

Wir sind angekommen.

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Über den Autor

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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