Dezember 14

Sekundenleben

Und dann stehst du vor deiner Haustür. Drehst den Schlüssel im Schloss herum, spürst das Klicken und trittst über die Schwelle. Hörst das dein Mark erschütternde Zufallen der schweren Tür und ziehst deine Jacke aus. Du stellst die Schuhe an Ort und Stelle, legst den Schlüssel an den Ort, an dem du ihn immer ablegst.

Im Vorbeigehen drehst du die Heizung auf, denn es ist Winter. Schon wieder.

Du passierst den Spiegel, würdigst dich selbst keines Blickes, fährst dir durch die Haare und ehe du dich versiehst, stehst du am Herd. Genießt dein Studentenleben. Kochst dein Mittagessen.

Und servierst es dann deiner Familie. Deiner Eigenen. Denn jetzt, wenige Jahre, nachdem du immer noch denselben Spiegel passierst, bist du Vater. Aus Versehen. So wie alles irgendwie aus Versehen passiert.

Du gießt die Nudeln ab; beherrschst immer noch nur dieses eine Gericht. Und dann stürmen deine Kleinen die Küche. Denn Papa macht Spaghetti.

Die Sauce spritzt auf deinen teuren Küchentisch, den du wie im Wahn für viel zu viel Geld ergattert hast. Doch heute macht das nichts mehr. Jeder Tomatenspritzer erzählt eine wertvollere Geschichte, als es der monetäre Wert je aufwiegen könnte.

Denn du weißt sie zu schätzen. Jetzt, wo deine Kinder das Haus verlassen. Um zu studieren. Oder um Unsinn zu machen, so wie du früher.

Du erinnerst dich, wie du in ihrem Alter losgezogen bist. Heraus in die Welt. Um alles zu entdecken. Möchtest ihnen Ratschläge geben, weil es dir Sicherheit gibt. Und das Gefühl, all das noch einmal erleben zu können.

Auch, wenn deine Geschichten niemand mehr hören kann. Weil du sie ständig erzählst.

Und sogar die Kinder deiner Kinder sie längst kennen. Auswendig. Sie lachen, wenn sie auf deinem Schoß sitzen und du wippst ein wenig mit deinem Knie. Es ist spaßig, Opa zu sein.

Und manchmal, wenn du am Sonntag auf die Kleinen aufpassen musst, kochst du ihnen Nudeln mit Tomatensauce. Weil Opa das am besten kann. Das wissen sie von Mama und Papa.

Und jetzt, wo deine Kinder drauf und dran sind, sich etwas aufzubauen, so wie du damals, kümmerst du dich ruhigen Gewissens um die nächste Generation.

Weil du verstehst, dass das, was du glaubtest aufzubauen, nur nebensächlich war. Und alles, was bislang „aus Versehen“ passierte, das beste Versehen war, das dir passieren konnte.

Danke, liebes Leben. Vielleicht verstehen wir uns ja doch eines Tages.

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Über den Autor

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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