Januar 14

Von Lehre & Leere

Die meiste Zeit des Lebens verbringen wir sitzend hinter Tischen. Vor uns stapeln sich wichtige Unterlagen, die nach schneller Bearbeitung schreien. Bereits unseren Kindern lehren wir das Sitzen hinter Tischen statt des Tanzens durch den Regen.

Wir lehren Disziplin, Ausdauer und Kontrolle. Und lernen dies oftmals von Menschen, die selbst kaum eine dieser Disziplinen beherrschen.

Wenn wir noch klein sind, gehen wir in den Kindergarten. Unwissend, was auf uns zukommt. Neue Freunde kennenlernend. Und neue Regeln, die bislang keine Rolle spielten. Wir setzen uns zum Malen, nehmen uns Eigenheiten Anderer an und präsentieren diese stolz unseren Eltern.

Sind wir alt genug, gehen wir zur Schule. Um uns auch dort hinter einen beliebigen vierbeinigen Tisch zu zwängen, an dem von nun an gelernt wird, was wichtig ist. Wir lernten nie aus, so heißt es. Doch den Großteil des Wissens, das wir in unserem Leben benötigen, erlernen wir stillschweigend unsere Sinne abschaltend hinter einem quadratischen Tisch, der uns Dulden lehrt. Auswendig. Bis es drin ist.

Wir lernen Kulturen alter Zeiten, Eigenheiten fremder Länder und sogar die Natur in all seinen Facetten kennen. Hinter einem Tisch.

Möchte jemand nicht mehr stillsitzen, so wird er diszipliniert. Er weiß in diesem Moment noch nicht, dass Disziplin und Gehorsam ihn ein Leben lang begleiten und strafen werden, sofern er sie missachtet.

Erheben und entfernen wir uns von jenen Tischen, die uns mindestens zehn Jahre unseres Lebens fesseln, sollten wir tendenziell intelligenter daherkommen als zuvor. Ob das der Fall ist, darf allein aufgrund zahlreicher Aktualitäten bezweifelt werden.

Doch zum Zweifeln, Hinterfragen und Nachdenken bleibt nicht allzu viel Zeit: Der nächste Tisch wartet auf seinen Hüter – ganz gleich, ob in der Universität, der Ausbildung oder im Büro.

Wir werden wieder Platz nehmen. Zwar nicht zwingend Platz finden, dazu ist keine Zeit. Doch wird uns im Zweifelsfall jener zugewiesen.

Und wir spielen mit, keine Frage. Denn zehn Jahre Stillsitzen und Anpassen hinterlassen nun einmal Spuren. Und was wir nur lang genug erleben, nennen wir Normalität.

Also sitzen wir hinter dem nächsten Tisch, halten die Füße still und erledigen uns aufgetragene Arbeiten.

Man müsse dadurch, so sagt man – und schließlich war es doch auch in der Schulzeit nie anders. Wozu wurden wir schließlich geschult, wenn wir anschließend nicht danach handelten.

Besinnen wir uns also auf die maßgebliche Lehre unseres Lebens, bleibt letzten Endes nichts als Leere in unserem Leben. Erst die Rechtschreibung macht’s erkennbar.

Doch glücklicherweise hört man’s nicht – und so bleibt alles wie’s ist. Wir hören auf jene, die uns anweisen. Nichts Anderes haben wir schließlich gelernt.

Und darum bleibt dieser Tisch womöglich unser Letzter. Die Füße auf der ewig gleichen Rutschmatte, die den Schreibtischstuhl vom Holzfußboden trennt. Der Papierkorb ergiebig in seiner Funktion, jahrelang. Und der Bildschirm an seinem immer selben Platz, hat er doch zahlreiche Rechner kommen und gehen sehen.

Was aber bleibt, ist unser Tisch. Unser Platz, an dem wir sitzen. Ein Leben lang. Ohne Fragen. Am Tisch gibt’s die Antwort. Nicht von uns, von jemand Ander’m.

Aber das ist nicht schlimm. Denn so war’s schon immer.

Und was immer so war, wird sich nie ändern.

Es sei denn, wir wagten es.

Doch leider
sind wir dazu
nicht erzogen.

Und so sitzen wir dort, an unser’m Platz. Dekorieren ihn mit Leben und ein paar Gesichtern. Um nicht zu vergessen, wer uns was wert und wer gut und wer teuer ist.

Blöd nur, dass in Realität wir
jene Gesichter noch selt’ner sehen.

Dinge verpassen, Altern beschleunigt,
uns irgendwann ärgern,
was wir verpassten.

Doch immerhin, und das ist der Trost:

An unserem Platz war’n sie da. Und werden es bleiben. Ob schwarz-weiß oder farbig, mit Band oder Ohne. Hier sind sie bei uns.

Bis wir uns ärgern, nie bei ihnen gewesen zu sein.

Doch dann ist’s zu spät. Und es bleibt unser Platz.

Es bleibt unser Tisch, an dem wir dann haften. Wie ganz von allein.

Weil wir es lernten.

Und unsere Werte,
Disziplin, Gehorsam und die Kontrolle
gelebt werden müssen.

Denn das ist, was uns ausmacht. Nicht mehr und nicht wen’ger.

Und war da mal mehr, so ist’s längst vergangen. Verschoben, vernichtet.

Zugunsten des Lebens, das wir nicht bedenken.

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Über den Autor

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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