April 20

05:37 Uhr

Die Vögel zwitschern heute lauter als sonst. Vielleicht habe ich auch nie hingehört. Es ist still draußen. Die Fenster im Hof sind dunkel. Reißen schwarze Löcher in weiße Fassaden. In meinem Fenster brennt Licht. Umhüllt unseren Esstisch. Draußen schleicht sich der Morgen heran.

Mein Kopf schmerzt. Seit gestern. Ich weiß, woran es liegt. Ich befreie mich nicht. Wie niemand sich befreit. Es bedeutet sich zu verlassen. Routiniertes abzulegen. Und kostet Energie. Es würde sich lohnen. Wieder einmal.

Es gibt eine Parallele zum Vogelgezwitscher.

Ich höre ein Gespräch. Ich verstehe nicht, worüber. Ich verstehe nicht, zwischen wem. Es klingt familiär.

Mal laut, mal leise. Mal lang, mal kurz. Eine Elster kreischt und fällt aus dem Takt. Ich sehe niemanden. Die Eiche singt.

Ein in sich geschlossenes Biotop. Jeder fand seinen Platz. Folgt dem, was Mutter Natur ihm aufträgt.

Menschen sind ähnlich. Bloß verloren wir unseren Platz. Auch ich. Jeder von uns.

Früher tat ich’s häufiger: Einfach da sitzen. Aus dem Fenster sehen. Der Natur lauschen, das Sein genießen. Ich erinnere mich an meinen ersten Morgen allein in Adelaide. Es war sechs Uhr dreißig. Ich verließ mein Hotelzimmer. Vergrub nackte Füße im kühlen Sand. Sah bis hinter den Horizont. Nichts als sanfte Wellen des Ozean, die sich mir zu Füßen legten.

Ich war so sicher. Dieses Lebensgefühl lässt mich nicht mehr los. Bis heute. Und dann begann ich, es selbst loszulassen. Aus Versehen. So, wie man alte Freunde aus den Augen verliert. Sich ewig nicht spricht. Andere Leute kennenlernt. Und für kurz vergisst, wer wichtig ist. So begann ich, mich mit Umständen zu arrangieren. Und verlor aus den Augen, was mir Kraft gab.

Und heute sitze ich hier. Um 05:51 Uhr am Morgen und blicke aus dem Fenster. Fröhlich, dass die Vögel zwitschern. Dass des Baumes Zweige im Winde wehen. Beruhigt, dass es diese Seite noch immer in mir gibt. Immer gegeben hat. Dass ich diesen alten Freund nie vergessen konnte. Und der mir nie von der Seite wich. Obwohl ich ihn nicht um Rat fragte.

Ich möchte beginnen, meinen Kopfschmerz loszuwerden. Nicht länger müde zu sein. Von täglichen Routinen und Unzulänglichkeiten. Mich einfügen in meinen Platz. Und mich nicht länger verbiegen für Aufgaben, Rollen und Tätigkeiten.

Ich möchte fremde Stimmen verbannen. Stummschalten. Die Bildschirme entsorgen. Mich von Giften verabschieden und der inneren Ruhe den Hof machen. In Besonnenheit leben und die kleinen Dinge schätzen. Ich möchte zuhören und wieder lernen, statt alles wissen zu müssen.

Am Ende ist’s wie draußen im Baume: Irgendwann bricht der Ast, auf dem ich sitze. Irgendwann fall auch ich aus dem Nest. Irgendwann wird der Baum gefällt.

Und wer wäre ich, dann nicht die Flügel auszubreiten. Im Glauben daran, dass ich doch fliegen könnt. Und im Vertrauen darauf, dass es klappt.

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Über Alex

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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