Juni 22

Fünfzig Sieben Acht Neun

Fünfzig Sieben Acht Neun. Ich kenne deine Nummer noch heute. Auswendig. Learned by heart. Fünf Ziffern, ein grüner Knopf, ein Hörer und ein Fußball.

Unsere Torpfosten waren T-Shirts. Den Ball schenkte ich dir jedes Jahr auf’s Neue. Den Aktuellen natürlich. EM-Ball. WM-Ball. Oder den aus der Champions League.

Dich kenne ich am längsten. Und ohne dich hätte ich sie nie kennengelernt. Weil du dich in ihre beste Freundin verliebtest. Ich erinnere mich noch gut daran.

Für dich gab es kein hübscheres Mädchen in unserer Klasse. Und ich habe dir widersprochen. Lächelnd, direkt vor der Stadthalle. Wir kamen aus der Schule, tauschten Fußballsticker und liefen zu dir nach Haus.

Wer weiß, wie’s gelaufen wäre, hätte ich dir einfach zugestimmt. Immerhin warst du verliebt, da widerspricht man nicht.

Doch das Schöne, das weiß ich heute – ich war es auch. Und so nahmen Dinge ihren Lauf.

Ich habe viele Menschen kennengelernt in all den Jahren und du hast das auch. Haben die Welt gesehen und waren an den abgelegensten Orten.

Als wir in der dritten Klasse waren, haben wir ein Referat über Rio de Janeiro gehalten. Wir kehrten dem Pult Herrn Nigges den Rücken und fanden Freude an unserer Aufgabe. Wir waren gar nicht so schlecht in Sachkunde.

Und in der Pause spielten wir Fangen. Und Fußball. Ich erinnere mich gut daran. Die Tore standen nebeneinander. Und beim Fangen stellten sich die „Gefangenen“ auf die kleine Stufe vor einer Wand am Schulhof. Die Rutsche bestand aus billigem Blech. Die Toilettentüren waren braun und schwer.

Und wenn ich einen Liebesbrief las oder schrieb, warst du immer dabei.

Wir wurden größer, wechselten die Schule und begannen zu trinken. Wir besuchten Partys. Du eher als ich. Du warst der Ältere, ich zurückhaltend.

Wir hatten unsere Probleme. Stritten uns, prügelten uns, vertrugen uns.

Und dann trennten sich unsere Wege.

Du schaffst den Abschluss. Ich bleibe sitzen. Wiederhole ein Jahr. Lerne zum ersten Mal, mich anderen Menschen anzuvertrauen. Und gerate an die falschen Personen. Unwissend, dass alles Alte mir entgleitet.

Ich lerne, ohne Freunde zu leben und folge fremden Anweisungen. Betrinke mich und esse, bis ich blute. Ich habe mich selbst nicht im Griff und fühle mich doch so sicher wie nie zuvor.

Und als ich zu fallen drohe, ist sie plötzlich da. Sie, die ich nur kennenlernte, weil du mich dazu brachtest, mich zu öffnen.

Ich brauchte einige Zeit, das zu akzeptieren. Zu verstehen, dass das Leben manchmal Umwege nimmt, um mich auf den richtigen Weg zu führen. Und es sollte eine Zeit dauern, bis ich voll und ganz zurück war.

Sie half mir dabei. Ein bisschen hat sie Schicksal gespielt. Mir die Freiheit zurückgegeben, die mir fehlte. Die Scherben an Selbstvertrauen zusammengekehrt, um sie sorgfältig zusammenzusetzen. Voller Ruhe und Gelassenheit. Voller Vertrauen und mit dem notwendigen Charme, der mir gut tat.

Man sagt, man verstünde das Leben nur rückwärts. Wenn überhaupt. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das hinkommt. Möglich wäre es.

Doch rückblickend erscheint vieles logisch. Aufeinander aufbauend. Und bruchstückhafte Erinnerungen erscheinen wie ein Mosaik, das sich langsam aber sicher zusammenfügt.

Es war Glück, dass wir so früh uns kennenlernten. Umso bedeutender, uns nicht aus den Augen verloren zu haben. Und wichtig, uns hin und wieder zu begegnen.

Auch, wenn wir jetzt groß sind. Zumindest theoretisch. Erwachsen, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt.

Ich bin froh, dass die Dinge so liefen, wie sie liefen. Froh, dass ich heute stehe, wo ich stehe und unser Kontakt nie abbrach.

Weil ich dir so viel zu verdanken habe und wir eine tolle Kindheit verbrachten.

Und sollte ich einmal Kinder haben, wünschte ich ihnen auch so ein Telefon. Eine Nummer wie die Fünfzig Sieben Acht Neun. Und einen Freund, der gleich rangeht, sich aus dem Haus schleicht und auf dem Bolzplatz wartet. Mit dem Ball vom letzten Geburtstag.

Schön, dass wir Freunde sind.

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Über Alex

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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