Juli 28

Arts & Métiers

Vor mir steht ein Glas Bier. Eines dieser schönen einfachen Gläser. Bodentief mit einer kleinen Ausbuchtung kurz vor dem oberen Glasrand, unter der meine Finger beim Anheben des Glases haften bleiben. Darin: Kühles Carlsberg. Nicht französisch, aber lecker.

Der Blick ist französischer. Ja, geradezu parisisch. Es regnet in Strömen. Dicke Tropfen prasseln auf spiegelnde Böden. Im Minutentakt strömen durchnässte Fußgänger ins Café.

Am Nachbartisch nimmt ein Paar Platz. Sie, gut und in dezentem Schwarz gekleidet, aber dennoch eine ganz offensichtliche Augenweide, gemeinsam mit ihr, un peu plus „Laissez Faire“. Sie lachen und trinken Kaffee.

Daneben ein volltrunkener Mann mittleren Alters. Er trägt dunkel gepolsterte, große und über seiner Glatze zusammenlaufende Kopfhörer und raucht. Neben ihm ein jüngerer schwarzer Künstler. Ebenfalls Raucher und ganz offenbar begeistert von den Klängen, die ihm gelegentlich angereicht werden. Fumer tue, steht auf dem weißen Grund ihrer Zigarettenschachtel. Aber nicht heute, nicht diese Beiden.

Und dahinter sitze ich. Mit einem Buch in der Hand, einem Glas Bier auf dem kleinen runden Bistrot-Tisch und dem Blick tief vergraben im strömenden Regen. Vermutlich schmunzle ich hin und wieder, der Situation geschuldet. Oder dem Carlsberg, mit dem Schluck für Schluck reine dänische Hygge durch meine Kehle fließt und meinen Rücken tiefer in die Stuhllehne sinken lässt.

Es gibt wenig, geradezu gar nichts, das mich glücklicher stimmen würde, als hier zu sitzen.

Um mich herum geschehen, sitzen, stehen und laufen unzählbar viele Geschichten. Unendlich viele Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Offensichtliche Egalité, die selbstverständlicher nirgends stattfindet.

Ich erinnere mich an den Blick auf den Eiffelturm. Den ersten Besuch der Seine. Den Antrag am Ufer der Île Saint-Louis. Das Petit Prince de Paris. Das typische Frühstück im Petit Café. Hemingways Wohnung in der Rue Cardinal Lemoine. An den Marché des Enfants Rouges, auf dem wir mittags Wein tranken. Und an das KONG, hoch über den Dächern der Stadt.

Aus den Boxen hinter mir summt leise Musik. Französischer Jazz gepaart mit Bossa Nova. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich hier wohl zu fühlen. Nur ein wenig Anteilnahme am Lebensgefühl, das hier zweifelsohne einen Jeden beschleichen würde, der in der Lage ist, hinzusehen. Hinzuhören. Und sich fallen zu lassen. Die Gedanken auszuschalten und sich der reinen Situation hinzugeben.

Inzwischen hat der Regen nachgelassen. Das Paar am Nachbartisch ruft mit auffälliger Gestik nach der Addition, der Volltrunkene nach einer weiteren Bouteille Vin Rouge. Und ich lasse das Schauspiel an mir vorüberziehen, wie ein gern gesehenes Unwetter. Vertiefe mich in den Zeilen Hemingways und sinniere, wie die Zwanziger wohl ausgesehen haben müssen.

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Über Alex

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

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