Januar 8

Unbeschriebene Blätter

Es ist ein Mädchen. Die übliche Formulierung würde wohl lauten: es wird ein Mädchen. Ich bleibe lieber beim Präsens. Immerhin ist sie schon da. Seit Ende des letzten Sommers. Wenngleich auch klitzeklein. Tief vergraben im Bauch meiner Frau, umher schwebend im Fruchtwasser.

Ich erinnere mich an eine Situation vor etwa fünf Jahren in Neuseeland. Jasmin und ich begannen gerade unsere Weltreise. Sie sprach von Familie und Kindern. Ihrem großen Traum. Schon immer. Und ich entgegnete, wie groß die Welt doch sei und wie viel es zu erleben gäbe. Sie träumte meine Träume und erweckte sie zum Leben. Machte sie sich zu eigen. Gefüllt von Abenteuerlust und Wissensdurst.

Und heute, fünf Jahre später, schlagen wir einen neuen Weg ein. Überraschend. Wie immer, was meinen Lebensweg betrifft. Die besten Dinge, die mir widerfuhren, die ich erleben und durchleben durfte oder musste, warfen sich doch stets plötzlich vor den Zug meines Lebens. Rückblickend kann ich, so hektisch, ungeplant und planlos meine Tage doch dem Außenstehenden erscheinen mögen, guten Gewissens berichten:

Bislang hat’s „das Leben“ gut mit mir gemeint. Vielleicht nicht immer auf Anhieb erkennbar – weder an meinen Reaktionen oder den doch verschlungenen Wegen, denen ich ungefragt folgte. Aber im Nachhinein fühlt sich „alles“ so richtig an. So stimmig. Gar logisch.

Ich durfte lernen, dass Heimat nicht zwingend ein Ort sein muss. Erst recht nicht jener Ort, dem wir uns seit Beginn unseres Lebens verpflichtet oder vermeintlich verbunden glauben. Für mich ist „Heimat“ nicht länger ein Ort, sie ist Menschen. Sie ist die Stadt meines Herzens. Sie ist jeder Ort, an dem mein Herz höher schlägt und lauter Erinnerungen tief in sich einschließt.

Ich durfte lernen, mir selbst zu vertrauen. Was lange nicht selbstverständlich war. Was ich nie lernte. Welches Gefühl mir niemand so wahrhaft in der Lage zu verleihen war. Was keine äußere Bestätigung erreichte. Was ich an jenem Ort, der meine Heimat sein sollte, nie verspürte. Erst der Weg ins Ungewisse, genannt „Welt“, lehrte mich aufgrund reiner Alternativlosigkeit auf mich zu vertrauen. Und erst diese Lektion führte wohl zu jenem Etwas, das sich „Urvertrauen“ nennt.

Ich durfte lernen, geduldig zu sein. Und genügsam. Lernte, dass nicht alles „sofort“ passieren muss oder überhaupt kann. Dass es darf, die Wahrscheinlichkeit für schnelles Glück auf weltlicher Ebene aber weitaus geringer ausfällt, als eine langfristige, langsame positive Entwicklung. Und dass es im Grunde wenig braucht, dass ich wenig brauche, um inneres Glück zu verspüren. Genau genommen benötige ich gar nichts, um mich innerlich befreit und zufrieden zu erleben. Je weniger Dinge mich umgeben, mich ablenken, meiner Aufmerksamkeit bedürfen, umso mehr bin ich in der Lage, in mich hinein zu spüren und gute Entscheidungen zu treffen. Oder überhaupt in mir anzukommen.

Ich durfte lernen, dass das eigene Bauchgefühl oftmals mehr über den „richtigen“ Weg zu wissen scheint, als die Hirne und Gedankenströme anderer Menschen. Zugegeben: diese Lektion entpuppte sich als die wohl im Nachhinein Ärgerlichste und Schwierigste. Festzustellen, die Handlung dem eigenen Bauchgefühl zufolge wäre ertragreicher, sinnvoller oder erfüllender gewesen – und dennoch nach den Vorstellungen und Meinungen Anderer gehandelt zu haben, war und ist nicht leicht zu verkraften.

Das Leben hielt eine Menge an Lektionen für mich bereit. Und lasse ich die Zeilen dieses Textes Revue passieren, erscheint es mir schon fast wie das Werk eines vermeintlich lebenserfahrenen alten Mannes. Doch was altklug daherkommt, sind leider nur Erfahrungen. Ist leider nicht mehr, als meine bloße Sicht auf mein noch junges Leben.

Und jetzt kommst du, meine Kleine. Forderst mich auf’s Neueste heraus. Fragst nach Liebe, Schutz und Zuneigung. Hoffst auf Erfahrungen, Erlebnisse und Abenteuer. Und kommst du nur etwas nach deiner Mutter, giere ich förmlich danach, dass dein gutes Herz, dein Lächeln und deine Spontaneität unseren Alltag erhellen.

Denn die wahren Lektionen des Lebens, fürchte und hoffe ich zugleich, fangen jetzt erst an.

Wir haben dich lieb.

Loved this? Spread the word


Über Alex

World-Traveller & grenzenloser Optimist. - "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

Ebenfalls interessant

Fünfzig Sieben Acht Neun

Mehr lesen

05:37 Uhr

Mehr lesen

Taubengurren

Mehr lesen
Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}