Mai 6

Gott sei Dank, habe ich geweint.

Es gibt Momente in meinem Leben, die ich als wegweisend beschreiben würde. Einen dieser Momente möchte ich in diesem Text verarbeiten. Nicht nur handwerklich, im Sinne von einer herkömmlichen Verarbeitung inhaltlicher Bausteine. Sondern auch seelisch. Im Sinne von der eigenen Auseinandersetzung mit Situationen und Geschehnissen.

Jene Situation, jener Moment spielte sich vor rund einem Monat in Münsteraner Factory Hotel ab. In einer Zeit, in der ich mich selbst keineswegs wohl fühlte. Nicht ansatzweise. Und die ich mit keiner Silbe als wegweisend empfunden hätte, hätte es keine klare Aussprache gegeben. Mit einer Aussprache meine ich nicht jene zwischen zwei Menschen. Sondern eben jene, die lediglich dem Sender selbst gutzutun scheint, was sich im Nachhinein oftmals bewahrheitet. So zumindest bei mir.

Ich brütete innerlich über einem Problem. Über einem Problem mit dem Menschen, der ich zu sein schien, sein sollte oder war und zum Großteil auch noch bin.

Wer sich heutzutage jemandem vorstellt, einen anderen Menschen neu kennenlernt oder einfachen Smalltalk im Zuge eines spontanen Wiedersehens betreibt, schwenkt oftmals schon im zweiten Anlauf hin zur Frage nach dem Was. „Und, was machst du so?“

Eine wahrheitsgemäße Antwort könnte lauten, dass man sich schließlich gerade unterhalte, heute seine Kinder vom Spielen abholen würde, abends grillte oder den nächsten Urlaub vorbereite. Die Antwort spiegelt jedoch, so fiel und fällt mir zunehmend auf, nicht die tatsächliche aktuelle Tätigkeit im umfassenden Leben mit all seinen Teilbereiche wider, sondern das eigene Selbstverständnis, anhaftend am eigenen Beruf, und die damit einhergehende Identifikation.

Gleich nach der Antwort „Alles gut“, die im Regelfall auf die in den seltensten Fällen von ernsthaftem Interesse hinterlegte Frage „Na, wie geht’s dir so?“ folgt, ist jene Frage nach der vermeintlichen Selbstidentifikation, die stets auf das berufliche Treiben einer Person hinaus möchte, mein persönlicher Graus.

Was, wenn ich mich mit meinem Beruf gar nicht mehr assoziierte? Nicht wenige Menschen würden vermutlich dennoch in der immer selben Form darauf antworten. Der Beruf ist fix. Einmal drin, nie mehr raus. Egal, wie viele Jahre.

Mir persönlich wurde das zu eng – mir fehlte und fehlt zum Teil noch immer die Luft zum Atmen. Vielleicht bin ich langfristig auch einfach nicht für herkömmliche Dienstleistungen gemacht, wenn auch auf selbstständiger Basis. Vielleicht liegt es auch anders Szene, in der ich mich bewege.

Oder vielleicht wird mir bei längerem Verweilen an einem Ort ohne Ausweg bewusst, dass meine bisherige Tätigkeit vielleicht spaßig war. Aber diese Freude, dieser Spaß lediglich aus der Tatsache resultierte, dass mein „Beruf“ nur Mittel zum Zweck, in diesem Fall: Finanzspritze für unsere Reisen und einen gewissen Lebensstil, war.

Was also, wenn Letzteres wegfiele? Was, wenn es keine Karotte mehr gäbe, der ich hinterherliefe – und das Erreichen dieser mit minimalem Aufwand und größtmöglichen Erfolgen auch noch immer wieder gelang?

Ich habe gelernt – oder besser: mir ist aufgefallen – dass viele Menschen in meinem persönlichen wie beruflichen Umfeld diese Art zu leben beneiden. Man könnte meinen, es gäbe für mich gar keinen Grund, um mich ernsthaft über etwas zu beklagen. Es geht mir und uns doch gut! „Läuft“, würde man sagen.

Und das tut es auch. Auf dem Papier, auf dem Konto, unterwegs. Aber wehe dem, einer dieser Faktoren verflüchtigt sich, insbesondere das Umhertingeln und Reisen. Das hat Auswirkungen. Wie ich spürte.

Und so saß ich also im Factory Hotel. Nur mit Boxershorts bekleidet auf der Bettkante und dachte vor mich hin. Was los war, war mir schon längst klar. Dass mein Beruf im Online Marketing mich langsam anzuekeln schien, war ein großes Problem. Dass ich auf irgendeine unliebsame und krude Weise viel zu übervorsichtig geworden war, ebenso. Dass ich unterdessen keinen Fuß mehr vor die Tür, im übertragenen Sinn: ins Ausland, mehr setzte, kam hinzu. Und all das türmt sich lediglich auf den Mist der letzten anderthalb Jahre, der in anderen privaten Kreisen umhergereicht wird. In meinem Kopf lebten seit anderthalb Jahren dieselben Gedanken. Und mit jedem Tag wurden sie zunehmend gefüttert.

Es gab keine anderen Inputs. Unser Aufenthalt in Paris schien mir wie ein anderes Leben und doch wie gestern. Wie in Gottes Namen kamen wir auf die Idee, dass unsere Rückkehr in unsere vermeintliche geographische Heimat eine gute Idee war? Auch das war ein Punkt.

Ich dachte nichts Gutes über mich. Obwohl es mir offiziell, weltlicher oder materieller, eben so gut ging wie noch nie. Ich bin so unabhängig wie noch nie. Die Zahlen stimmen. Meine Kunden waren und sind zufrieden. Ein wenig in Deutschland umherreisen ist auch drin. Wo also drückt der Schuh?

Schwer zu beantworten, diese Frage. Und umso besser deshalb, wenn man in dieser Situation eine vertraute Person an seiner Seite weiß, der man getrost einmal die Schulter vollschnoddern und -weinen kann. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle, Jasmin!

Manchmal geht es eben nicht anders. Und es sollte auch nicht anders gehen. Es muss manchmal einfach raus. Und was man so lang mit sich herumschleppt, braucht dann halt seine Zeit.

Und dann habe ich ihr alles erzählt. Was mich an meinem Beruf stört, was ich viel lieber täte, worin ich aufginge, was ich dachte über mich, die Welt, meine Familie, meine Kunden, meine Projekte. Und was sich ändern müsse, damit sich in mir etwas ändert.

Und dann haben wir eine Lösung entwickelt. Nicht bewusst, nicht nach Schema X oder so. Wir haben einfach geredet. In ihrer unnachahmlichen, oft kurz angebundenen und direkten Art, brachte Jasmin es aber glücklicherweise ziemlich schnell auf den Punkt: „Mach eine Killer-Liste“. Vier Worte, so einfach.

Dinge, die noch abgeschlossen werden mussten. Dinge, ohne die ich dieses Kapitel, das nun ohne Zweifel beendet werden musste, nicht beenden konnte. Dinge, die ich nicht mehr tun wollte, und durch die ich dennoch einmal durch musste.

Und Dinge, die nun Vergangenheit sind. Dank deren Bewältigung ich mich nun auf die Zukunft konzentrieren kann. Auf jene Themen und Projekte, die neuen Schwung in mein Leben und mein Gehirn bringen. Auf Bücher, die ich schon ewig lesen wollte, wozu ich aber nie kam. Und auf Menschen, mit denen ich mehr Zeit verbringen möchte.

Denn auch das ist etwas, das ich in diesem noch jungen Jahr lernen durfte. Auch Menschen können mal der richtige und mal der falsche Draht sein. Ein Draht, der, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, immer heiß läuft. Bei den „falschen“ Menschen aber in eine nicht allzu wünschenswerte Richtung, sodass er einfach mal abkühlen sollte.

Womöglich sind diese Dinge nicht immer leicht: Aus dem fahrenden Zug der beruflichen Tätigkeit springen, Drähte zu kappen, die früher oder später dafür sorgen, dass man sich selbst in ihnen verwickelt. Oder Lebensideen völlig neu skizzieren, obwohl die letzten Details der Vorgänger gerade erst finalisiert und festgezurrt wurden.

Doch mir hat’s gut getan – wenngleich heute so ein Tag ist, an dem ich am liebsten nichts tun würde. Zumindest nicht hier, in Attendorn.

In Paris wüsste ich, was ich täte. Und anderswo auf der Welt wüsste ich sicher, etwas Neues zu entdecken.

Bloß hier scheint mein Kapitel abgeschlossen und schon dreimal verfilmt. Ich denke, ich bin hier fertig. Und die Planung für den nächsten Schritt, was soll ich sagen, ist bereits in vollem Gange.

Loved this? Spread the word


Über Alex

World-Traveller & grenzenloser Optimist.
- "Finde dein Glück in der Vielfalt der Welt."

Alex Schreiner

Ebenfalls interessant

Laptopscheibenmonotonie

Mehr lesen

Ist das Heimat?

Mehr lesen

Hello, Bis bald.

Mehr lesen

05:37 Uhr

Mehr lesen
Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}