Kontroversen leben

Die deutsche Nationalelf ist ausgeschieden. Aus Mangel an Hunger, so sagt man. Man sei ja schon Weltmeister. Was könne man noch erreichen, was gäbe es Größeres für einen Fußballer?

Wenn man auf der Karriereleiter oben ankommt, hat man’s geschafft. So der allgemeine Tenor. Doch könnte man anstelle eines rapiden Hinabstürzen der Leitersprossen nicht auch am oberen Ende verharren und den Ausblick genießen?

Ähnliche Tendenzen stelle auch ich hin und wieder bei mir fest. Ich bin jung, zweiundzwanzig Jahre. Gut, früher kam mir schon dieses Alter recht reif vor. Aber heute – und im Vergleich zu meinem sonstigen Umfeld – bin ich jung. Das Dilemma: Ich habe viel zu viel erlebt. Mehr noch: Wir haben viel zu viel erlebt.

Denn letztlich stellt sich die Frage: Wem ist es in diesem jungen Alter vergönnt, eine glückliche wie ernsthafte Partnerschaft zu führen und in jener gemeinsam die Welt zu umrunden? Womöglich den wenigsten.

Gut und gern können diese Zeilen als lapidare Prollerei abgetan und verlacht werden, doch das Thema ist ernst – ähnlich, wie bei der Nationalmannschaft.

Wie schaffe ich neue Anreize, wenn doch schon alles, wofür der Durchschnittsdeutsche strebt, bereits hinter mir liegt? Zugegeben, es klingt nach einem Luxusproblem par excellence.

Doch worauf es hinaus läuft, ist spannend: Hin und wieder bemerke ich eine gefährliche Tendenz in meinem Handeln, stets dem größeren, extravaganteren und spannenderen Erlebnis nachzueifern. Dabei wäre es so einfach, auch einmal Europa selbst zu genießen, statt mein Glück außerhalb der heimischen Kontinentalplatte zu suchen. Denn Glück ist hier sicherlich auch zu finden. Ganz bestimmt.

Und so bin es dann ebenfalls ich, der Gedanken hin und her schiebt, auf der einen Seite wenig Anforderungen stellt und auf der anderen einen nicht stillbaren Hunger auf mehr verspürt. Wo führt dieses Gefühl hin?

Viel weiter hinaus in die Welt oder zu einem kleineren Bewegungsradius? Momentan kann ich’s nicht sagen. Ähnlich wie Jogi Löw, der momentan auch im Niemandsland umher schwebt.

Fakt ist aber: Der Abstand von Altgewohntem und längst abgelegten Kleider tut gut. Die Frage ist bloß, wie groß dieser Abstand sein muss.

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