Momentaufnahme: In 40.000 Fuß Höhe

Wie ein kaltes Stück Steak liegen meine Unterschenkel flach und regungslos auf der für sie vorgesehenen Ablage. Gelegentlich zuckt einer der beiden unvorhersehbar, wenn auch unauffällig. Ich träume. Und mein Oberkörper hängt einer ruhenden Kobra gleich in der wohlgepolsterten Schale des Sitzes.

Wenige Atemzüge später zieht mein Bruder samt meines Vaters an mir vorbei. Kein Schulterklopfen, kein Schütteln, vielleicht ein Schmunzeln – hatten wir doch wenige Minuten zuvor noch vereinbart, nicht einzunicken. Ich konnte nicht anders. Sie lassen mich schlafen. Höflich.

Mit jeder Turbulenz wiegt mich das Flugzeug tiefer ins Reich der Träume. Die Anschnallzeichen erleuchten, der gestartete Film findet sein Ende – nichts bringt mich aus der Ruhe.

Erst, als die Stewardess mit Premium Vanille Ice Cream an mir vorbei schlendert und mich ebenso wie meine mitgereisten Familienmitglieder ignoriert, erwacht wohl jenes Organ, das meine Mutter humorvoll als „Dessertmagen“ bezeichnet. Mit trockenen und maximal zu einem Drittel geöffneten Augen greife ich nach der Eiscreme. Ich nutze sogar einen echten Löffel.

Wenige Minuten später stehe ich auf zügig voranschreitenden, wenn auch wackligen Beinen. Erst jetzt bemerke ich, dass ich das einzige familiäre Überbleibsel in halbsenkrechter Position in diesem Teil der Kabine bin.

Einige Schritte weiter tönen Stimmen. Tiefes, ehrliches und teils dreckiges Lachen erfüllt den hinter dem Vorhang befindlichen Raum. Schön zu wissen, dass mein Bruder bereits zugegen ist. An der Theke lehnend, zur Linken unseres Vaters, grinst er mich an. „Na, auch schon wach?“ Max gluckst etwas. Vermutlich vor Vorfreude. Jene schreibe selbstredend ich meiner Anwesenheit zu.

„Da ist er ja“, höre ich Dirk rufen. Überschwänglich klopft er mir auf den Rücken.  Er lehnt sich zurück an die Theke und blickt einen neben ihn stehenden Mann über den Rand seiner Brille an. „Mit den Beiden bin ich unterwegs.“ Stolz deutet er auf meinen Bruder und mich. „Klassische Herrentour“, beginnt er seinen Satz, „im vergangenen Jahr waren wir in Irland und …“ – „Familie ist das Wichtigste“, bricht es etwas plötzlich und leicht sentimental aus seinem augenscheinlichen Gesprächspartner heraus, „Ihr macht das schon genau richtig! Mein jüngster Sohn ist auch mein bester Freund. Klasse, wenn man so etwas noch machen kann.“ Niemand von uns kennt seinen Namen.

„Darf es noch etwas sein?“ Die Stewardess sieht uns mit verheißungsvollem Blick an. Offensichtlich zählen wir nicht zu den Risikotrinkern an Bord. Sonst würde sie uns nicht nicht einen weiteren Drink anbieten. Sie spricht Deutsch.

„Erst vor kurzem habe ich meine Firma verkauft! Und seitdem fliege ich ein bisschen durch die Welt, beruflich bedingt.“ Seine angeschwitzten Finger rutschen auf der Theke auf und ab. Redselig wie in der ersten Minute gestikuliert er weit über den Thekenrand hinaus. Sein Bauch hängt spitz über seinen Hosenbund hinaus und schaukelt äquivalent zu den Turbulenzen hin und her.

Einst sei er auch First Class geflogen, eröffnet er uns und blickt stolz in die Runde. Der Unterschied sei zwar äußerst gering, jedoch sei der Flieger unverhofft überbucht gewesen. Was tut man nicht alles.

Das Gespräch dauert noch etwa eine halbe Stunde an. Max und ich verzogen uns inzwischen in die Lounge und beobachten das Treiben von hinten. Über die Lehne gebeugt sehen wir aus dem Fenster: Baghdad. Es braucht nur wenige Sekunden, bis wir uns tief in die Augen schauen und wie ferngesteuert feststellen: Ja, auch Baghdad wäre spannend.

Ein offenkundig leeres Bierglas setzt unsanft auf der Theke auf. Das klirrende Geräusch von strapaziertem Glas reißt uns aus unseren irakischen Träumereien. Nur der kleinste Teil des Glasbodens tangiert die für ihn ursprünglich vorgesehene Serviette.

Der uns nach wie vor unbekannte, wenn auch äußerst redselige Mann verlässt die Bar. Er trägt Socken.

Ich erhebe mich und schlendere gen Theke. Mein Bruder begleitet mich. „Und, wer war der gute Herr?“, frage ich neugierig. Mein Vater zuckt mit den Schultern. „Das weiß ich nicht“, entgegnet er. Eine wohl alltägliche Erscheinung. „Nehmen wir noch eins?“ Er deutet auf die Dose Oktoberfestbier, die sich – fast schon als Souvenir – noch an Bord befindet. Wir nicken, die Gläser füllen sich. Ein kurzes Zuprosten, lachende Augen und ein Schluck Bier in 40.000 Meilen Höhe.

Jetzt beginnt, was wirklich zählt. Denn was wirklich zählt, ist Familie.

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